Wenn es stimmt, dass es die größte Sünde im Journalismus ist zu langweilen, haben sie bei "So Foot" gute Karten vorm Jüngsten Gericht. Das französische Fußball-Monatsmagazin ist nun schon weit über 200 Mal erschienen. Und kein einziges Mal davon hätte einer der 20.000 Abonnenten vorher erraten können, was ihn erwarten würde.
Im September wartete das Magazin mit einer großen investigativen Recherche
auf; die Geschichte über Vincent Labrune dürfte dem Chef des französischen Ligaverbandes FFP nicht gefallen haben. Mit 16 Seiten fiel sie für "So Foot"-Verhältnisse allerdings nicht aus dem Rahmen: Die Geschichte über den Großraum Paris als "weltweit größter Produzent von Fußballern" umfasste im Mai sogar 40 Seiten, Kinderbilder von Kylian Mbappé inklusive. (Labrune-Screenshot: So Foot/vds/sj)
Auch im 22. Jahr ihres Bestehens gelten in der Pariser Rue du Ruisseau die "drei H" ("humour, humain, histoire") als informelles Statut der Redaktion. Und tatsächlich gelingt "So Foot" auch dank einiger origineller Formate in vielen Heften und auf seiner Website eine beneidenswerte Leichtigkeit. Großartig beispielsweise das Interviewformat "Rapido", bei dem die Redaktion auch den drögesten Gesprächspartnern Antworten mit Substanz entlockt, weil mit keiner der Fragen vorher zu rechnen war.
Auf die Frage, wie viele Positionen des Kamasutra er ausprobiert habe, gibt Muhammed Cham (Trabzonspor) eine schöne Antwort: "Keine. Ich bin noch Jungfrau." Im Oktober-Heft, das der WM 1994 in den USA gewidmet ist, muss der Schweizer WM-Teilnehmer Stéphane Chapuisat sagen, ob er nicht finde, dass "um Cowboys zu viel Gewese gemacht wird, für Männer, die auf Kühe aufgepasst haben". Ebenfalls eine typische "So Foot" -Frage an einen Schweizer: "Als der Mensch entdeckt hat, dass eine Kuh Milch gibt, was genau hatte er da mit ihr vor?" Chapuisat ist angemessen fassungslos und antwortet, dass er das "lieber nicht so genau wissen will."
Doch natürlich nähert man sich dem Turnier jenseits des Atlantiks auch ernsthafter, aber nicht weniger originell: Mit einer Geschichte über den fußballverrückten Mormonen Scott LeTellier, der sich für sein Heimatland als WM-Gastgeber eingesetzt hatte, beispielsweise oder mit einer Geschichte über den damaligen WM-Helden Bebeto, der heute für die brasilianischen Sozialdemokraten im Parlament sitzt.
"So Foot" ist das Kind von Franck Annèse, der heute als "Redaktionsdirektor" im
Impressum firmiert und das Magazin 2002 zusammen mit Guillaume Bonamy und Sylvain Hervé, allesamt Absolventen der renommierten Business School ESSEC, an den Start brachte. Annèse, Fan des FC Nantes, hatte damals ein Startkapital von umgerechnet 450 Euro zur Hand. Noch heute ist sein "So Press"-Verlag unabhängig. (Annese-Foto: Screenshot LinkedIn/vds/sj)
Wenn die Zeitung "Libération" Annèse als jemanden beschreibt, der "sein Leben im Zeitraffer lebt, weil er immer etwas zu tun und keine Zeit zu verlieren hat", geschieht das nicht ohne Grund. "Franckie", wie ihn seine Kollegen nennen, schreibt nebenbei Texte für Moderatoren und Sketche für den Comedian Thomas Ngijol, er betreibt ein Musiklabel und spielt Gitarre in der Band EMPRS, deren Songs er zusammen mit einem Freund schreibt. Dass sich so jemand nicht auf ein Medium beschränkt, ist klar.
Unter dem Dach von "So Press" sind deshalb in den vergangenen Jahren neben "So Foot" auch das Elternmagazin "Doolittle", "Pédale" (Radfahren), "So Film" (Kino) und "Society" (Reportagen) sowie Magazine zum Reiten, Laufen, Rugby und Herrenmode erschienen. "So Foot"-Podcasts gibt es selbstverständlich auch. Aber Annèse, der selten ohne Baseballkappe aus dem Haus geht, ist vor allem überzeugt, dass Journalismus "auf dem schönen Medium Papier" auch künftig eine Chance hat. Vorausgesetzt, er setzt auf Qualität und Entschleunigung. Wie bei "So Foot", wo man seit jeher auf lange Strecken setzt – und entsprechend versierte Autoren und Stilisten an Bord hat.
"Unsere Stärke ist die Art und Weise, wie wir die Geschichten erzählen", weiß Annèse. "Sie entsprechen dem Ton der 25- bis 45-Jährigen, denke ich." Und: Er hätte da noch eine Theorie, warum ihnen auch das 221. Heft, das Anfang November erschien, wieder locker von der Hand gegangen ist. "Ich habe das Glück, mit Leuten zu arbeiten, die Freunde geworden sind", sagte er jüngst der Seite BPI France. "Das geht jetzt schon über 20 Jahre so, und wir haben uns noch nie überworfen, das ist ein gutes Zeichen."