Buch-Tipp

Neues von Netzer

09.02.2026

Wer glaubt, über ihn schon alles gelesen, gesehen oder gehört zu haben, der wird mit diesem neuen Buch eines Besseren belehrt. „Netzer. Die Siebzigerjahre“ von Manuel Neukirchner ist mehr als nur das vierte gesammelte Werk zum vielleicht genialsten Fußballer Deutschlands, befindet Wolfgang Uhrig.

 

Nach den zahlreichen Würdigungen zum Achtzigsten im September 2024 wollte Netzer eigentlich nicht mehr öffentlich über sein bewegtes Leben sprechen. Eine Ausnahme machte er jetzt doch noch einmal, für Manuel Neukirchner den Direktor des Deutschen Fußballmuseums in Dortmund. Das Buch „Netzer. Die Siebzigerjahre“ ist ein kiloschwerer Wälzer, 272 Seiten mit 256 zum Teil sehr außergewöhnlichen, vorher nie gesehen Bildern und Abbildungen, eingerahmt von Anekdoten, die so woanders noch nie erzählt worden sind.

Beide beleuchten mit tiefgehenden Dialogen das goldene Zeitalter des deutschen Fußballs – die Siebzigerjahre. In diese Zeit fällt der Aufstieg dieses blonden, langhaarigen Spielers aus Mönchengladbach. Der Leser wird begleitet von Netzers Weg aus der niederrheinischen Provinz zum ersten Popstar des deutschen Fußballs, mit dem sportlichen Höhepunkt als Spieler bei Real Madrid. Günter Netzer war der Mann für große Schlagzeilen zwischen Fußball und Fun (Buchcover-Abbildung: Die Werkstatt).

Der Fußballer erzählt, wie es dazu kam, dass er im Fernsehen für seinen Freund Michael Pfleghar als Schlagersänger und Double für Heino auftreten musste, dass ihn eine Künstlergruppe um Joseph Beuys allen Ernstes zum Professor ernennen wollte, wie er zum Herausgeber einer Zeitschrift wurde. Er berichtet, was ihn auf die Idee zur Gründung der Bar „Lovers’ Lane“ brachte und wie dort, diesem Gladbacher Treffpunkt junger Leute, eines Tages völlig überraschend die Trainer-Legende Sepp Herberger auftauchte.

Netzer und die Trainer. Obwohl er mit Hennes Weisweiler tiefe Täler durchmachte, habe er ihn trotz einer autoritären Art, mit seinem Feldwebelton, mehr geachtet als gehasst: „Ihm habe ich unendlich viel zu verdanken.“ Krach aber gehörte nun mal zum Miteinander. Wie auch einmal in Südamerika, wo er auf einer Spielerreise der Gladbacher Borussia plötzlich seine Sachen packte, die Elf verließ und frühzeitig nach Hause abflog: „Ich hatte Heimweh.“

Netzer über sich: „Vielleicht habe ich nicht so gelebt und gehandelt wie ein normaler Fußballer“

Netzer sagt, er sei nun mal kein Heiliger gewesen, deshalb habe es auch in der Mannschaft kleinere Aufstände gegen ihn gegeben: „Vielleicht habe ich nicht so gelebt und gehandelt wie ein normaler Fußballer.“ Am Ende aber hätten das „die Jungs“ akzeptiert: „Weil sie sich dachten: Gott sei Dank - er trifft den Ball.“ Letzten Endes wohl auch Weisweiler, dieser habe ihm sogar das Du angeboten (Uhrig-Foto: VMS).

Nur lobende Wort über Helmut Schön, der Bundestrainer war für Netzer eher ein Kumpel-Typ: „Zurückhaltend, gutmütig, bürgerlich, wie ein Freund.“ In dieser Rolle sei Schön für das Klima innerhalb einer Elf wichtig gewesen, die Taktik zum Spiel auf dem Platz hätte die Mannschaft dann unter sich ausmachen dürfen. Nur einmal, als Netzer nach einer Länderspiel-Niederlage in Spanien von ihm kritisiert wurde mit „Kinder-Fußball“, habe er danach den Rücktritt aus der National-Elf angekündigt: „Dann aber haben Wolfgang Overrath und Franz Beckenbauer davon abgeraten.“

Neben Lesefreuden bietet dieses Buch durch großflächige Fotos auch eine ganz besondere Augenweide: Günter Netzer in den verschiedensten Rollen. Mit ausdrucksstarken Porträts und Posen. Die Nummer 10 als Spielmacher und kämpferischer Stratege, Netzer sich föhnend in seinem Spiegelbild, einsam und verlassen in der menschenleeren Kabine von Real Madrid, als sinnierender Spaziergänger in einem Hinterhof seiner Heimatstadt Mönchengladbach.

Dazu die verschiedensten Motive als gestyltes Model. Hautnahe Studien, wobei auffällt, dass Netzer fast ausschließlich streng aussieht: kaum ein Lächeln, meist in sich gekehrt und grübelnd, sogar im doch so sehr geliebten Ferrari. Netzer am Steuer mit einem gequälten Blick. Auf einem anderen Foto ist das dann aber verständlich: Er trägt schwer in seiner Rolle als Reservist auf der Gladbacher Auswechselbank.

Unterm Strich bleibt das Bild eines Athleten, der mit seinem modischen Stil und dem extravaganten Auftreten als Fußballer aus dem Schatten einer damals zum Teil noch etwas miefigen wirkenden Sportwelt ins grelle Scheinwerferlicht der Unterhaltungsindustrie gestellt wurde. Eine Markenbildung, die ihm durchaus bewusst war: „Ich habe das zugelassen, weil sie mir, ganz platt gesagt, nicht wehgetan hat.“

Wolfgang Uhrig war Chefredakteur des kicker, später produzierte er die OSB-Standardwerke zu Olympischen Spielen. Wir danken dem Autoren und dem Verein Münchner Sportjournalisten, diese Buchrezension nutzen zu dürfen.

Manuel Neukirchner
„Netzer. Die Siebzigerjahre“
Hardcover, 272 Seiten, Verlag Die Werkstatt
ISBN-10: ‎ 3730707442 / ISBN-13: ‎ 978-3730707449
39,90 Euro