Basketball-Weltmeister Deutschland: Was kommt nach dem Hype?

Randsport mit Rückenwind

02.10.2023

Deutschland ist Basketball-Weltmeister, doch der große Hype klingt erst mal ab. sj-Autor Ralf Tögel geht der Frage nach, was geschehen muss, um die Sportart verstärkt im Bewusstsein zu halten. Wichtigste Erkenntnis: ARD und ZDF müssen mitspielen.

 

Wer Anfang September auf der japanischen Insel Okinawa ein bisschen Zeit verbracht hat und sich darüber hinaus für Basketball interessierte, der hatte richtig gute Chancen für ganz besondere Begegnungen.

Da konnte es schon mal passieren, dass dem Besucher beim Flanieren an der Strandpromenade des American Village in Chatan Maodo Lo entspannt entgegenschlenderte und freundlich grüßte. Dass man am Abend Dennis Schröder begegnete, wie er einen Kinderwagen in ein Restaurant schiebt, um mit seiner Familie beim Essen ein bisschen Zeit zu verbringen. Wer an der Theke der Kaffeerösterei an der Ecke auf seinen Cappuccino wartete, konnte sich die Zeit schon mal bei einem Pläuschchen mit Luka Doncic vertreiben, dem derzeit wohl weltbesten Basketball-Profi. Oder man traf am Abend beim Spontan-Einkauf im Supermarkt Andreas Obst und Isaac Bonga.

Denn die japanischen Ferieninsel war einer der Spielorte bei der Basketball-WM in Asien, wo unter anderem die deutsche Nationalmannschaft Vor- und Hauptrunde spielte. Was bekanntermaßen im größtmöglichen Triumph gipfelte: Deutschland ist Basketball-Weltmeister – und zwar einer zum Anfassen. Eine Besonderheit im Teamsport auf Weltklasse-Niveau.

Diese Basketballprofis waren äußerst nahbar: Autogramme oder Selfies? Kein Problem, gerne, jederzeit. Keine Selbstverständlichkeit, das hat uns der Fußball gelehrt. Oder ist es vorstellbar, dass die deutschen Auswahlkicker sich zwei Stündchen Zeit nehmen, um den eigenen Fans im Hotel einen Besuch abzustatten – so wie die Basketballer in Okinawa? Die Antwort erübrigt sich.

Vielleicht ist es ja deshalb eine gute Neuigkeit für den interessierten Sportsfreund, dass er die nationalen Fußballerinnen und Fußballer auch in Zukunft verlässlich via TV erleben kann, denn die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich ein umfangreiches Paket an Übertragungsrechten für die Länderspiele gesichert. Bis zur WM 2027 etwa kicken die DFB-Frauen im frei empfangbaren TV in der Nations League, in Qualifikations- und Vorbereitungsspielen. Die Auswahl der Männer ist sogar bis zur EM 2028 umfassend und live zu bewundern, natürlich auch beim Testen und Qualifizieren. (Schröder-Foto: Intime/firo Sportphoto/augenklick)

Und die Basketballer? Da wird sich wenig ändern, von irgendwelchen öffentlich-rechtlichen Bemühungen in Richtung der Goldjungs fehlt bislang jede Kunde. Es ist auch ein bisschen ruhiger geworden um die Helden von Manila, der Hype ein wenig abgeklungen. Und nun, da der Basketball vom Alltag eingeholt ist, stellt sich eine große Frage: Wie kann man den weltmeisterlichen Schwung in die Basketball-Bundesliga (BBL) implementieren, wie kann dieser Randsport – das ist und bleibt Basketball auf absehbare Zeit – von diesem gewaltigen Erfolg profitieren?

Immerhin sind ja vier Weltmeister in der BBL präsent: Isaac Bonga, Niels Giffey und Andreas Obst sollen dem FC Bayern helfen, zur europäischen Spitze aufzuschließen; Berlins Integrationsfigur Johannes Thiemann hat Alba in Heidelberg gerade zu einem erfolgreichen Saisonstart geführt. Und Anführer Dennis Schröder hat seinen Aufenthalt in Deutschland verlängert, um seinem Heimatklub Braunschweig (den er mittlerweile auch besitzt) ein bisschen Glamour und Anschubhilfe zu verleihen.

Es liegt letztlich aber an den Verbänden und Vereinen, die Euphorie zu transportieren und hochzuhalten, die Kinder in die Hallen zu locken. Marco Baldi, Alba Berlins umtriebiger Geschäftsführer, hat erzählt, dass er mit dem Fahrrad durch Berlin geradelt sei. An vier, fünf Freiplätzen sei er vorbeigeradelt, alle "waren voll bis zum Anschlag". Baldi hat dem EM-Titel 1993 miterlebt, WM-Bronze 2002 mit dem ewigen Dirk Nowitzki – beides sei recht schnell und geräuschlos verpufft. Nun aber sieht er einen Unterschied, denn diese Mannschaft habe die Basis begeistert. Baldi kennt sich aus, und er sieht die große Chance, "dass der Rückenwind dieser WM etwas öffnet".

In der Tat: Wer diese deutsche Mannschaft erlebt hat, der sah eine fast kindliche Freude am Sport, eine ehrliche Begeisterung am Wettkampf mit den Weltbesten, den Stolz das eigene Land zu vertreten – der wurde irgendwann mitgerissen von diesen großen Jungs.

Aber dennoch würde ein bisschen "mediale Unterfütterung" nicht schaden, findet Baldi. Wobei ihm kein Geringerer als Uli Hoeneß zur Seite springt, der im Interview der Süddeutschen Zeitung über die Öffentlich-Rechtlichen klagte, attraktiven Teamsport wie Basketball nachhaltig zu ignorieren. Bekanntlich war das ZDF erst zum WM-Finale auf den Hype aufgesprungen; das Halbfinale gegen die USA, das vom Weltverband Fiba zu einem der besten in der WM-Historie geadelt wurde, war im Free-TV nicht zu sehen. (Hoeneß-Foto: sampics Photographie/augenklick)

Hoeneß hat die Partie gebannt beim übertragenden Spartensender MagentaSport gesehen, der alle Partien kostenlos und in hoher Qualität professionell präsentierte. Und er appellierte an die Öffentlich-Rechtlichen, "alle Hebel in Bewegung zu setzen, um sich die Highlights wichtiger Sportarten zu sichern, anstatt die hunderttausendste Talkshow zu zeigen". Denn die große Masse der Zuschauer sei nach wie vor nur so zu erreichen, und für diese Vielfalt an Unterhaltung seien ARD und ZDF schließlich gebührenfinanziert.

Die Telekom hält die Rechte am internationalen Basketball noch bis 2026, auch für die Frauen – und sie zeigte sich bisher bei Interesse des Free-TV stets verhandlungsbereit. Ein Ansatz, der nicht nur nach Ansicht von Uli Hoeneß verfolgt werden sollte: Eine breite mediale Aufmerksamkeit bringt öffentliches Interesse und macht den Sport für die Wirtschaft interessant – so kann Basketball nachhaltig nach vorne gebracht werden.

Das nächste große Turnier sind die Olympischen Spiele in Paris im kommenden Sommer, der WM-Vierte USA hat bereits bittere Revanche angekündigt – mit sämtlichen Superstars. Weltmeister Deutschland zählt zu den Medaillenfavoriten, das nächste Spektakel ist programmiert. Und für Olympia liegen die Übertragungsrechte bei ARD und ZDF.

Und wer die Spieler treffen möchte: Frankreich ist deutlich näher als Japan.

Ralf Tögel ist Basketball-Experte der Süddeutschen Zeitung.