„Ich frage mich, wie es wäre, in einer Welt zu leben, in der immer Juni ist.“ So wird zum Anfang des Buches die Kanadierin Lucy Maud Montgomery zitiert, in der Literatur bekannt für poetische, hoffnungsvolle Zitate. Eine Antwort gibt ihr Ronald Reng, mit dem Beststeller „Der deutsche Sommer“. Der Autor beschreibt zum 20-Jahre-Jubiläum, wie im Juni 2006 zum Turnier um die Fußball-WM hierzulande eine bis dato unbekannte Leichtigkeit unter den Menschen einzog, ein kollektiver Taumel der Begeisterung. Für uns war der Begriff „Sommermärchen“ geboren, für Fremde das Bild vom „neuen Deutschland“.
In seiner Hommage auf fünf unvergessliche Wochen blickt Reng nicht alleine auf eine unvergessliche Epoche zurück. In vielen Passagen erzählt er auch durch das Auge von Zeitzeugen. Wie der Astronaut Thomas Reiter in seiner Raumkapsel die WM erlebte; wie der Münchener Schlagzeuger Florian Weber mit seinen „Sportfreunde Stiller“ neben dem Aufstieg der Nationalelf in deutschen Schlagerlisten zu einem Hit wurde; wie der englische Verkehrspolizist Roger Evans in der Nürnberger Innenstadt den Verkehr regelte oder wie nahe dem Ammersee der damals 17-jährige Jugendspieler Julian Nagelsmann vom TSV 1860 München den Spielern der Weltmeisterschaft zujubelte (Buchcover-Abbildung: PIPER).
Reng beschreibt ausführlich und detailliert. Er besuchte den Soziologen Hans Schulke, den Erfinder der Fanmeilen. Er sprach mit dem Hubschrauberpiloten Hans Ostler, der Franz Beckenbauer von einem Stadion zum anderen flog. Er lässt den ZDF-Sportchef erklären, warum nicht Uli Hoeneß und auch nicht Lothar Matthäus, sondern allein der junge Mainzer Fußballtrainer Jürgen Klopp über das ZDF zu einem Medienstar aufsteigen durfte oder warum bei Jürgen Klinsmann ein bis dato in der Bundesliga noch eher unbekannter David Odonkor aus Dortmund plötzlich als Flügelflitzer in der Nationalelf durchstarten konnte.
Und immer mal wieder begegnet man dem Schmerz des WM- Reservisten Thomas Hitzlsperger, durchleidet mit dem Spieler seine seelischen Nöte auf der deutschen Ersatzbank. Denn wie schon in seinen zum Teil preisgekrönten Werken über den verstorbenen National-Tormann Robert Enke, den WM-Torjäger Miroslav Klose oder den kauzigen, früheren Bundesliga-Trainer Heinz Höher ist bei Reng auch hier der Fußball nur Anlass für das Menschliche in einer von ihm beschriebenen Person.
Wer seinerzeit dabei sein konnte, mittendrin war, unter den Massen begeistert feiernder deutscher Fans, durchlebt hier durch ein Buch noch einmal diese magischen Wochen aus dem Juni zum Juli 2006. Ronald Rengs gesammelte Erinnerungen: nicht frei erfunden, keine wundersamen Begegnungen, deshalb doch so sehr viel mehr als leidiglich das „Märchen aus einem Sommer“ – sondern ein Traum, der Wirklichkeit geworden war.
Ronald Reng
„Der deutsche Sommer – Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog“
PIPER, Hardcover mit Schutzumschlag, 416 Seiten
ISBN: 978-3-492-07407-0
25,00 Euro