Über die US-Medien und die Fußball-WM 2026

Sogar die NBA gibt klein bei

03.06.2026

In der kommenden Woche beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft. Mike Woitalla schildert unter anderem, wie die Medien in den USA darüber berichten werden.

 

Wer die Sportberichterstattung in den USA verfolgt, der könnte bisweilen den Eindruck gewinnen, dass es im Profisport wenig mehr gibt als die "Big Four", also Football (NFL), Basketball (NBA), Baseball (MLB) und Eishockey (NHL) – dazu die diversen College-Ligen. Tatsächlich aber bestand nie ein Zweifel daran, dass die Fußball-WM von den Medien in den USA in allen nur erdenklichen Formen und auch außergewöhnlich intensiv begleitet werden würde. Die einzige Frage war, wann diese Berichterstattung ihre volle Intensität erreichen würde. 

Der Tag, seitdem kein Medium in den USA mehr am "Soccer World Cup" vorbeikam, war der 15. April. Da kündigte die Transportgesellschaft New Jersey Transit an, 150 Dollar für die Zugtickets von der Penn Station in Manhattan, New York, zum MetLife Stadium jenseits der Staatsgrenze in East Rutherford, New Jersey, zu verlangen. Für eine Zugfahrt von 15 Minuten. Für Tickets, die normalerweise 12,90 Dollar kosten. Praktisch über Nacht wurde das Turnier an diesem Tag zu einem bedeutenden politischen und wirtschaftlichen Thema.

Das Portal Politico beispielsweise begann, täglich Geschichten zur WM zu veröffentlichen. New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani, ein leidenschaftlicher Fußballfan (insbesondere des FC Arsenal), schaltete sich in die Debatte über die Gier der FIFA ein. Und schließlich leiteten die Generalstaatsanwälte von New York, von New Jersey sowie von Kalifornien – wo das Amt von Rob Bonta, einem ehemaligen Fußballer an der Universität Yale, bekleidet wird – Untersuchungen zum FIFA-Ticketmodell ein. Medien in allen elf US-Spielorten begannen zu recherchieren, welche Auswirkungen die Ausrichtung dieses Mega-Events hat, bei dem die FIFA sämtliche Einnahmequellen kontrolliert. (New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani bei der Vorstellung der Fan-Feste in New York. Foto: picture alliance / Sipa USA / Michael Nigro) 

Im Mai musste man schon, wie die Amerikaner sagen, "unter einem Stein leben", um nicht mitzubekommen, dass das größte Sportereignis der Geschichte in die USA kommt – und welche Kontroversen damit verbunden sind. Der Status der Teilnahme Irans; die mögliche Präsenz der US-Einwanderungsbehörde ICE in den Stadien, Donald Trumps Politik, die ausländische Fans von einer Reise in die USA abschreckt; die Defizite des öffentlichen Nahverkehrs; die wachsende Skepsis gegenüber den Prognosen zum wirtschaftlichen Nutzen sowie die hohen Ticketpreise – Themen, die monatelang nur sporadisch behandelt worden waren, wurden Teil des täglichen Nachrichtenzyklus, ganz gleich, aus welcher Quelle man seine Informationen bezieht.

Über die hohen Ticketpreise wurde tatsächlich bereits berichtet, als der Verkauf im vergangenen Herbst begann. An vorderster Front steht dabei der Reporter Henry Bushnell vom Portal The Athletic, das zugleich als Sportressort der New York Times fungiert. The Athletic liefert kontinuierlich detaillierte Informationen über das "dynamische Preismodell" der FIFA und durchforstet zugleich den FIFA Ticket Marketplace. Heraus kam dabei unter anderem eineinhalb Wochen vor Beginn der WM die peinliche Tatsache, dass das Eröffnungsspiel der USA gegen Paraguay am 12. Juni in Los Angeles noch immer nicht ausverkauft war.

The Athletic gehört zu den etablierten Medien wie Yahoo Sports oder den Online-Angeboten der TV-Sender ESPN und Fox Sports, die das Turnier seit Langem auch aus sportlicher Perspektive begleiten. Die fußballspezifischen Medien in den USA werden angeführt von Soccer America, gegründet bereits 1971. Das amerikanische Pendant zum kicker hat sein umfangreiches Angebot aus Nachrichten, Reportagen und Kommentaren Anfang 2025 um einen speziellen WM-Newsletter ergänzt. Soccer America transportiert zudem regelmäßig WM-Geschichte in Form eines wöchentlichen Quiz' und eines "World Cup Name of the Day", ein "A bis Z" der WM-Historie. "U" steht dabei für "Uns Uwe". (Foto Website ESPN Soccer: Screenshot sj/vds)

Die umfangreiche Berichterstattung, die auch Themen, Reportagen und Interviews abseits des Sportlichen umfasst, macht die Unterschiede zwischen der WM 2026 und der WM 1994 in den USA zusätzlich deutlich. Das Turnier vor 32 Jahren hält trotz nur 52 Spielen noch immer den Zuschauerrekord mit 3,36 Millionen Besuchern – durchschnittlich 68.991 pro Spiel. Der damalige Überschuss der Organisatoren von 50 Millionen Dollar (entspricht einem heutigen Wert von 111 Millionen) führte zur Gründung der U.S. Soccer Foundation, die bis heute Fußballprojekte in den Vereinigten Staaten finanziert. Das Turnier ebnete außerdem den Weg für den Start der Major League Soccer im Jahr 1996. Die MLS umfasst heute 30 Teams, verzeichnet durchschnittlich 22.000 Zuschauer pro Spiel und hat Stars wie Lionel Messi und Thomas Müller angelockt

Die Wirkung der WM 2026 besteht anders als 1994 nicht darin, dem Fußball in den USA erstmals eine solide Basis zu verschaffen. Vielmehr soll das Turnier das Interesse an der MLS steigern. Ziel ist eine Steigerung der TV-Einnahmen, die der nordamerikanischen Profiliga einen Wettbewerb mit den Top-Ligen in Europa ermöglicht – und den Fußball in seiner landesweiten Popularität näher an die "Big Four" heranführt.

Die WM 2026 dürfte auch dazu beitragen, dass US-Spieler, die wie etwa der ehemalige Dortmunder Christian Pulisic (AC Mailand) in den Ländern ihrer Klubs derzeit wohl bekannter sind als in den USA, zu landesweiten Persönlichkeiten werden. Immerhin wird eine beispiellos große US-Mediendelegation die Nationalmannschaft begleiten. Während rund 50 Journalisten das Team während des gesamten Turniers durchgehend verfolgen werden, könnte sich die Zahl der Berichterstatter durch Reporter an den Spielorten verdoppeln.

"Diese Weltmeisterschaft ist einzigartig, weil sie im eigenen Land stattfindet und zu einem Zeitpunkt kommt, an dem die amerikanische Fußball-Medienlandschaft wesentlich weiter entwickelt ist als in früheren Zyklen“, sagt Neil Buethe, der für mehr als zwei Jahrzehnte und bei zehn Weltmeisterschaften für Frauen und Männer die Kommunikationsabteilung des US-Fußballverbands leitete. Mittlerweile hat er die Kommunikations-Agentur "18th & Prairie" gegründet, zu deren Kunden auch der DFB gehört. (Foto Neil Buethe: "18th & Prairie" / privat)

"Neben traditionellen Zeitungen, Fernsehsendern und Nachrichtenagenturen gibt es heute Dutzende spezialisierter Fußballwebsites, Podcasts, Newsletter, unabhängige digitale Content-Ersteller und fanorientierte Medien, die über den Sport berichten", weiß Buethe. "Hinzu kommen nationale Nachrichten-, Lifestyle- und Wirtschaftsmedien sowie regionale und lokale Medien, die dem Turnier mehr Aufmerksamkeit schenken und darüber in einem Umfang berichten, wie wir es bei Weltmeisterschaften in Südafrika, Brasilien und Katar nie erlebt haben."

Es besteht kein Zweifel daran, dass die WM in diesen Sommer die Sportberichterstattung in den USA dominieren wird. Nur die MLB spielt, College Football und die NFL beginnen erst wieder im August oder September, und die Finalserie der NBA zwischen den New York Knicks und den San Antonio Spurs endet spätestens am 19. Juni.

Wie groß die Strahlkraft der WM in den USA sein wird, hat auch die NBA bereits erkannt: Sie verlegte die Spiele 4 und 5 der Finalserie von ihren üblichen Terminen am Freitag und Sonntag (den zuschauerstärksten Fernsehabenden der Woche) auf Samstag (den schwächsten Fernsehabend) und Dienstag. Grund: Die NBA wollte eine Terminkollission  mit dem Auftaktspiel der USA gegen Paraguay am 12. Juni vermeiden.

Der Autor: Mike Woitalla (61), geboren in Nürnberg, ist Executive Editor von SoccerAmerica. Er ist Autor mehrerer Bücher.