Über die Situation der Sportfotografen

Vom Bilderrausch fortgerissen

04.02.2026

Die Arbeitsbedingungen für Sportfotografen werden immer prekärer. Von einer generellen Branchenkrise kann aber keine Rede sein, schreibt Christoph Ruf.

 

Marvin Ibo Güngör fotografiert für die Agentur GES bei den Spielen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft und des Zweitligisten Karlsruher SC. Doch auch bei dem mehrfachen Gewinner von VDS-Wettbewerben macht die klassische Presse-Fotografie nur noch einen Bruchteil der Einkünfte aus. Dennoch läuft es gut bei ihm. "Die Nachfrage nach Sportfotografie ist ja nach wie vor hoch", sagt er. Klubs und Verbände füllten ihren Fotografen-Pool immer weiter auf. "Auch die Sponsoren wollen hochwertige Bilder – und bezahlen die entsprechend."

Für die Kollegen, die ausschließlich von Sport-Pressefotografie leben, sind die Zeiten allerdings schwierig. Viele von ihnen fuhren noch vor Kurzem an den Wochenenden die Plätze der Region ab und brachten Bilder von bis zu sieben, acht Spielen mit. Viel wurde dafür noch nie gezahlt. Aber in der Summe machte auch Kleinvieh durchaus Mist.

Heute drucken auch große Zeitungen montags überhaupt keinen Regionalsport, die Umfänge sind überall drastisch geschrumpft. Auch andernorts wurden die Honorare gekappt. So arbeitet der Stern, der früher auch im Sportressort externe Fotografen mit langen Reportagen einschließlich aufwendiger Bilderstrecken betraute, fast nur noch mit eigenen Stipendiaten. Die bekommen dort anerkanntermaßen eine hochwertige Ausbildung – und nehmen etablierten Kollegen die Aufträge weg. (Foto: Joshua Hanson/Unsplash)

Derweil greifen viele überregionale Zeitungen fast ausschließlich auf Agenturmaterial zurück. Das sei auch gar nicht mehr anders möglich, sagt Claudio Catuogno, Leiter des Sportressorts der Süddeutschen Zeitzung: "Früher haben wir am Sonntagmorgen das Foto eines Fotografen ausgewählt, das am besten zum Spiel des FC Bayern am Vortag gepasst hat. Ein Spiel, ein Text, ein Bild." Heute, in Zeiten des "digitalen Bilderrauschs", sei das nicht mehr finanzierbar. "Für alle Kanäle, inklusive Pushnachricht, Einzelkritik und Liveticker brauchen wir 20 bis 25 Bilder – von einem einzigen Bayern-Spiel."

Diese Bilder liefern DPA und Getty, zusätzlich gibt es einen Pauschalvertrag mit Imago. Dass die Agenturen oft nur lächerliche Summen an die Fotografen auszahlen, ist Catuogno bewusst, sagt er. "Bei Fußball-Abendspielen, beim Handball oder beim Basketball ist die Auswahl an guten Bildern deutlich geringer als früher. Und wir sind selbst mit daran schuld." Doch die Rahmenbedingungen, unter denen Tageszeitungen heute arbeiten, seien nun mal deutlich schwieriger als noch vor zehn Jahren.

Das gilt allerdings erst recht für die Vergütung der Fotografen. Während die Tageszeitungen Sätze von 20 bis 60 Euro pro Bild bezahlen, sind die Summen, die die Agenturen und Portale ausschütten, lächerlich. Honorare von 1,50 Euro pro Bild nennen die Fotografen.

Über fehlendes Bildmaterial können sich Imago und Co. dennoch nicht beschweren. "Lieber ein paar Cent als gar nichts", sagen sich manche Fotojournalisten, die die Entwertung ihrer Arbeit dadurch weiter anheizen. Das tun auch die Amateur-Fotografen, die ihre Bilder an die Spieler schicken und sich freuen, wenn die sie auf ihren Kanälen teilen. Dass auch die die Preise verderben, liegt auf der Hand. (Foto Kevin Voigt: Martin Hangen)

Und es gibt noch mehr unliebsame Konkurrenten. "Jeder Fußball-Erstligist beschäftigt heute Vereinsfotografen, die andere Zugänge haben als klassische Fotojournalisten", sagt Güngör. Tatsächlich laden der FC Bayern, Borussia Dortmund und einige andere Klubs ihr Bildmaterial bei Agenturen hoch. In anderen Sportarten ist ein solcher "Service" längst gang und gäbe. So beschäftigt der Internationale Ski- und Snowboard-Verband FIS einen eigenen Fotografen-Pool und stellt die Bilder für einige Nutzungsarten gratis zur Verfügung.

Wie Güngör zählt auch VDS-Vize Kevin Voigt zu den jungen Kollegen in der Branche. Und auch er hat trotz allem nicht den Eindruck, dass er sich für einen Beruf ohne Perspektive entschieden hat. Auch bei Voigt tragen Zeitungen kaum noch zum Lebensunterhalt bei. "Meine Hauptkunden sind Vereine, Verbände, Sportler und Sponsoren", sagt er. Hinzu kämen zuweilen Aufträge von Magazinen wie Spiegel oder Bunte. Und diese seien nach wie vor gut bezahlt. 

Voigt plädiert in seinem demnächst erscheinenden Buch "Sportfotografie" auch dafür, die KI nicht fatalistisch als Sargnagel für den eigenen Job zu betrachten. Man könne die Tools zwar beauftragen, ein Bild von Alexander Zverev auf dem Siegertreppchen zu generieren, sagt er: "Aber seinen ganz individuellen Gesichtsausdruck beim Jubel, den kriegt die KI nicht hin."

Überhaupt, schreibt Voigt, könne der Bilderrausch, den die KI erzeugt, auch eine Chance für echten Fotojournalismus sein: "Je stärker die Welt von fertig generierten Bildern und künstlicher Intelligenz geprägt wird, desto größer wird die Sehnsucht nach echten Momenten", sagt er und bleibt optimistisch: "In Zukunft können wir mit unserer Sportfotografie noch stärker zum 'Erzähler' werden."