Man kennt das Phänomen von Beerdigungen, bei denen der Verstorbene verdächtig hymnisch gelobt wird – über Tote nur Gutes. Mancher Angehörige aber fragte sich da schon, warum der derart Gepriesene in seinen letzten Lebensmonaten dann bloß so wenig Besuch bekommen hat. Ähnlich war es bei der Fußball-Woche, jener traditionsreichen Berliner Fußballzeitung, die am 13. Oktober 2025 nach 102 Jahren eingestellt wurde. Gelobt und gepriesen wurde sie nach ihrem Ende – in allen Berliner Tageszeitungen (Foto unten: vds/screenshot/Tagesspiegel) und diversen Fanforen.
Doch in den Monaten zuvor, als es vielleicht noch möglich gewesen wäre, die FuWo zu retten, herrschte in ganz Berlin
vornehme Zurückhaltung. Auch diverse Rettungsaktionen schlugen fehl, zuletzt brachte der Versuch, sich über Online-Abos am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, nur ein Zehntel der erhofften Abschlüsse. 5000 Hefte verkaufte man am Schluss nur noch – bei weitem zu wenig, zumal ohne zukunftstaugliches Online-Konzept.
"Die toxische Mischung aus Einnahmerückgängen, Kostensteigerungen und fehlenden Investitionsmitteln" machte Verleger Horst Bläsig in der letzten Ausgabe für das Ende der FuWo verantwortlich. Die gleiche toxische Mischung, zu der noch die Gratis-Mentalität im Internet zählt, hatte zu diesem Zeitpunkt längst in Hamburg und im Ruhrgebiet gewirkt. Das Sport-Mikrofon ist ebenso Geschichte wie der Revier Sport, der nur noch als Website existiert.
Auch für ihren letzten Chefredakteur Steven Wiesner (35) war die FuWo weit mehr als ein x-beliebiger Arbeitgeber. Als aktiver Fußballer hat ihn das Blatt über 20 Jahre begleitet. Dort zu arbeiten, war dann später trotz aller Widrigkeiten etwas Besonders. "Als ich anfing, spielte Union plötzlich international. Da warst du dann an einem Tag bei Ajax Amsterdam und zwei Tage später wieder bei Askania Coepenick oder den Reinickendorfer Füchsen", sagt er.
Natürlich weiß auch Wiesner, dass hinter den Kulissen gerade versucht wird, der FuWo ein zweites Leben einzuhauchen. Auf die genauen Pläne des "möglichen Retters" (11Freunde) ist er zumindest gespannt. "Ich werde mir sehr genau anhören, was er vorhat", sagt er. Einfach so weiterzumachen wie in den Monaten vor der Einstellung, wäre für ihn allerdings eher keine Option. Die Mangelwirtschaft und daraus folgend zu wenige regelmäßige freie Mitarbeiter schlug auch journalistisch irgendwann zu große Schneisen, man sei am Schluss auch einfach zu schlecht aufgestellt gewesen, um zukunftstauglich zu sein.
"Zuletzt hatten wir auf den Plätzen nicht mehr die Relevanz von früher", sagt Wiesner. Und dennoch ist da eben bei aller Skepsis dieses "Hintertürchen", von
dem er selbst spricht. Denn auf guten Journalismus in der nicht eben kleinen Nische, in der sich 200.000 Berliner Amateur- und Freizeitkicker tummeln, hätte er nach wie vor Lust. "In einer Stadt wie Berlin gibt es da einfach immer noch jede Menge interessante Geschichten zu erzählen."
So sieht es auch der geheimnisvolle "Retter", den zuerst die 11Freunde sprachen und der auch hier lieber anonym zitiert werden will. Ganz sicher ist es kein Zufall, dass er einem hochklassigen Berliner Amateurverein angehört. Und vielleicht ist es auch kein Zufall, dass der im Osten der Stadt beheimatet ist. Die alte Westberliner FuWo hatte es schließlich dank der guten Verbindungen von Herausgeber Bläsig geschafft, im Osten und Westen gleichermaßen gelesen zu werden – als vielleicht einziges Berliner Medium.
Kein Wunder also, dass auch der große Unbekannte eine emotionale Bindung zur FuWo als eines der Motive für sein Engagement benennt. "Mein Vater hat alle Ausgaben seit der Wende gesammelt. Die lagern jetzt als riesige Stapel bei uns im Klubheim." Dass sich in den Vereinsheimen und auf den Sportplätzen der Hauptstadt die Geschichten ereignen, über die nur die FuWo berichten kann, davon ist er ebenfalls überzeugt. (Vorerst letzte Ausgabe der FuWo. Foto: vds/screenshot)
"In drei Wellen", berichtet der Retter, habe er seit Oktober versucht, die FuWo wiederzubeleben. Die dritte und letzte soll nun zum Erfolg führen. Ein paar Geldgeber hat er beisammen, der Mietvertrag für die FuWo-Büroräume wird auch Anfang 2026 noch bedient. Und falls alles glattgeht und beim Insolvenzverwalter nicht noch viele andere Angebote eingehen, könnte die FuWo schon Mitte Februar in neuen Händen sein.
Dann wird es spannend. Denn der Unbekannte plant danach ein groß angelegtes Crowdfunding mit dem Ziel, die alte Redaktion mit den Geldmitteln zu versorgen, die es braucht, um der FuWo online und analog eine Zukunft zu verschaffen. "Ich glaube, dass es in Berlin genug Leute gibt, die wie wir eine kleine Macke haben", sagt er. "Es wäre ja wohl einfach schade, wenn die FuWo nach 102 Jahren für immer verschwindet."