Editorial von Christoph Geiler

Zu Gast bei Freunden

01.07.2024

Der österreichische Kollege Christoph Geiler bereist Deutschland während der Fußball-EM und zieht Vergleiche mit dem "wahren" Sommermärchen.

 

Kann man als Österreicher diese Fußball-EM eigentlich nicht nicht gut finden? Darf man als Gruppensieger überhaupt nach einem Haar in der schwarz-rot-goldenen EM-Suppe suchen? Gehört sich das? Fällt leise Kritik nicht unter laute Majestätsbeleidigung?

Für Anna- und Otto-Normal-Fan, die dieses Fußball-Spektakel auf der Couch oder in der Fanzone verfolgen, klappt diese Europameisterschaft bestimmt wie am Schnürchen. Ja, das Wetter mag vielleicht nicht so gut mitspielen wie beim Sommermärchen 2006. Die Deutsche Bahn ist möglicherweise nicht ganz auf Schiene. Und an Orten, die von durstigen schottischen Fans heimgesucht worden sind, könnte ab und an das Bier ausgegangen sein. Aber hey: So ein Großereignis fordert kleine Opfer. (Geiler-Foto: privat)

Womit wir schon bei den Sportjournalisten sind. Wer sich für den Job als Fußballreporter entschieden hat und zur EM entsandt wurde, der verrichtet echte Schwerarbeit. Die Digitalisierung hat ja bekanntermaßen die Arbeit der Journalisten extrem erleichtert und beschleunigt. Wer so ein EM-Match wie zum Beispiel Rumänien gegen Ukraine besuchen will, der sollte sich im Idealfall einen Urlaubstag nehmen. Die Anmeldung nimmt mittlerweile mehr Zeit in Anspruch – und ja, wir Journalisten neigen natürlich bisweilen zu Übertreibungen – als ein Fußballmatch.

In Wahrheit ist es freilich eine Untertreibung. Macht es Spaß, sich stundenlang auf einer UEFA-Website durchzudribbeln, um dann kurz vor dem Tor-Erfolg – der Platzreservierung, die natürlich nur digital möglich ist – von einem Serverproblem gestoppt zu werden? Wo ist der VAR, wenn man ihn einmal braucht? Und wo sind Parkplätze, wenn man green mit dem Elektro-Auto Richtung Grün anreisen will?

Natürlich schwingt bei allem auch ein wenig Melancholie mit. Beim Sommermärchen 2006 war nicht nur das Wetter besser und die Deutsche Bahn verlässlicher, es gab damals auch noch diese riesigen Zutrittskarten für jedes einzelne WM-Match, die man unkompliziert per Brief, Telefon, Schrieb oder Fax ordern konnte. Und die – und da spreche ich jetzt wirklich stellvertretend für eine gesamte Branche – keiner weggeschmissen hat.

Ein Erinnerungsstück, das von dieser EM bleiben wird? Das sind die vielen quälenden, fragenden und
frustrierten Mails, die wir an Adressen geschickt haben, die freundlich antworteten – KI lässt grüßen –, aber die uns doch ins Abseits gestellt haben.

Herzlichst, Ihr Christoph Geiler

Der Autor gehört seit 1995 der Sportredaktion des österreichischen KURIER an. Von Innsbruck aus beobachtet der Tiroler das Sportgeschehen. Er ist Mitglied der SPORTS MEDIA AUSTRIA, der Vereinigung Österreichischer Sportjournalisten.