Über Emotionalität in der Sportberichterstattung

Zu viel für's Gefühl?

03.12.2025

Ist eine emotionale Berichterstattung reißerisch und boulevardesk – oder schlicht "authentisch"? In der Branche gehen die Meinungen da genauso auseinander wie in der Wissenschaft, schreibt Christoph Ruf.

 

 

Man kann sich nur schwer vorstellen, dass eine Debatte aus dem Bundestag übertragen wird, bei der der Kommentator zu erkennen gibt, mit welchen Emotionen ("gutes Argument", "was für ein Blödsinn") er die Debatte verfolgt. Und vermutlich finden die meisten Menschen, die sich heute noch Nachrichtensendungen oder politische Formate im Fernsehen anschauen, das auch richtig so.

Umso interessanter, dass die Berliner Journalismusforscherin Margreth Lünenborg jüngst in einem Interview mit dem Deutschen Fachjournalisten Verband eine vermeintlich eherne Gewissheit infrage stellte. Dass Emotionen und Sachlichkeit im Widerspruch stehen und allenfalls im Boulevard vermengt werden dürfen, sei eine "klassisch nachrichtenjournalistische Haltung", die sich überlebt habe. Auch lange Reportagen appellierten bei den Texteinstiegen schließlich an die Gefühlswelt der Leser, um sie fürs Folgende zu interessieren. (Margreth Lünenborg. Foto: Tim Gasseman/FU)

Und tatsächlich gilt es ja auch im Privatleben als Gabe, Anekdoten so erzählen zu können, dass man gerne zuhört. Wer einen zusätzlichen Spannungsbogen einbaut, muss in der Regel nicht mit Kritik rechnen. Im Sportjournalismus fällt da schon mal das böse Wort "Lautsprecher".

In der Branche gelten beispielsweise Wolf-Christoph Fuss (Sky, MagentaTV) oder Frank Buschmann (u.a. RTL) als emotionale Reporter. Beide betonen, ihnen sei bewusst, dass sie damit polarisieren. Als "Lautsprecher" wolle er sich aber nicht beschrieben sehen, sagte Buschmann in einem Spiegel-Interview. Es gelte zu unterscheiden: "Geht es um Lautstärke oder darum, das Spiel emotional zu begleiten?" Er selbst richte sich nach dem Anlass: "Das Ereignis macht den Kommentar. Wenn etwas Spektakuläres passiert, bin ich voll dabei."

Ähnlich argumentierte auch Fuss. Es dürfe "nicht darum gehen, wahllos zu brüllen, sondern es muss zum Moment passen", sagte er dem Tagesspiegel. Beide behaupten sehr überzeugend, sie überlegten sich eben nicht bereits vor der Übertragung, welche Wortspiele sie "raushauen". Und beide empfinden eine emotionale Berichterstattung als "authentischer". Man merke vielen Kollegen an, "dass sie das, was sie tun, gerne tun und sich dann eben auch von der Euphorie mitreißen lassen".

Margreth Lünenborg hinterfragt die Vokabel Authentizität: "Ich wäre mit dem Begriff sehr vorsichtig. Jede Art von Live-Übertragung, ob Audio oder Video, ist ja immer auch eine Inszenierung." Entscheidend sei deshalb nicht, wie der Journalist seinen eigenen Stil empfindet, sondern "ob die Nutzenden dem Authentizität zuschreiben". Sport, das Ringen um Siege und Punkte, sei per se in hohem Maße emotional. "Und ich formuliere es mal vorsichtig: Bei der Übermittlung ist der Sportjournalismus sehr unbefangen." Als separates Genre – eher Entertainment als Journalismus – sieht sie ihn aber nicht. "Es gibt ja auch eine ökonomische und politische Dimension. Um darüber zu berichten, braucht es eine journalistische Kompetenz, die auch im Politik- oder Wirtschaftsressort genutzt wird." (Wolf-Christoph Fuss und Lothar Matthäus. Foto: GES-Sportfoto/Markus Gilliar)

Wie Fuss oder Buschmann findet auch Andreas Renner (DAZN), dass der jeweilige Reportagestil zur eigenen Persönlichkeit passen sollte. "Mir fällt es wahrscheinlich auch deshalb schwer, ständig steile Thesen rauszuhauen, weil ich auch privat eher ein ausgeglichener Mensch bin." Bei einigen Kollegen hat er indes den Eindruck, dass hinter manchem Ausraster Kalkül steckt: "Die bringen so etwas teilweise bewusst, damit sie online geteilt werden."

Überhaupt empfindet Renner das, was mancher Kollege als authentisch bezeichnet, eher als gekünstelt: "Ich hatte mal einen Chef, der von uns gefordert hat, wir sollten sowohl 'extrem emotional' als auch 'extrem analytisch' sein. Das geht nicht." Mehr denn je hat er den Eindruck, dass es gerne gesehen wird, wenn steile Thesen als Selbstzweck rausgehauen werden. Und sieht das mit Sorge: "Wenn man zu emotional wird, schaltet das Hirn ab. Das kann auch in der Sportberichterstattung nicht gut sein."

Tatsächlich ist ja die Crux an der Emotionalität an der Seitenlinie wie am Mikro eine ähnliche: Sie läuft sich irgendwann tot, wenn sie nicht dosiert verwendet wird. "Man muss sich bewusst sein, dass die Schraube nicht endlos weitergedreht werden kann. Sonst tritt beim Zuschauer ein Erschöpfungszustand ein", sagt Margreth Lünenborg, die deshalb davor warnt, ein langweiliges Handballspiel als Jahrhundert-Ereignis zu präsentieren. "'Je mehr, desto besser' ist sicher die falsche Devise."