Zur Berichterstattung über Sport in Ostdeutschland

"Zu viel Klischeedenken"

04.11.2026

Jedes Mal das Immergleiche: Wenn Westdeutsche über den Osten schreiben, liest sich das zuweilen, als sei die Mauer erst gestern gefallen, bilanziert Christoph Ruf.

 

Möglicherweise wäre der Text gar nicht weiter aufgefallen, wenn er im September 1990 erschienen wäre. Zu einer Zeit also, als sich West- und Ostdeutsche noch so rein gar nicht kannten. Und als man auf beiden Seiten weit weniger voneinander wissen wollte, als das die Sonntagsreden mancher Politiker nahelegten. Doch "Hertha gegen Magdeburg: Jetzt mal was anderes" erschien im August 2026 in der Zeit. Also schlappe 37 Jahre nach dem Mauerfall.

Zusammenfassen ließ er sich wie folgt: Da in Sachsen-Anhalt über 40 Prozent der Menschen AfD wählen und Magdeburger wie alle ostdeutschen Fußballfans ausgemachte Faschos sind, rettet Hertha BSC die Demokratie. Denn am Wahltag fährt der tumbe Zoni mit seinem Team in den demokratischen Sektor und kann deshalb sein Kreuz nicht bei den Blauen machen.

Schon auf der sachlichen Ebene ist das Beispiel nicht gut gewählt. Denn zum einen wäre es angesichts der kurzen Entfernung zwischen Berlin und Magdeburg problemlos möglich gewesen, vor und nach dem Spiel im Wahllokal zu wählen. Zum anderen ist die These, dass AfD-Wähler die Briefwahl verweigern, mehr als gewagt.

Vor allem aber beruht die politische Zuschreibung offenbar schlicht auf der Annahme, ostdeutsche Fangruppen müssten per se rechts sein. "Choreo mit Nazi-Spruch-Banner, rassistische Gesänge, rechtsextreme Erlebniskultur: Beileibe nicht nur in Magdeburg, aber auch dort sieht und hört man das." Damit weiß der Autor Peter Dausend mehr als alle Zeitzeugen, die sich partout an kein "Nazi-Spruch-Banner" in der Magdeburger Kurve erinnern können. Dausend selbst reagierte nicht auf die Bitte um Präzision.

Dass man auch als Westdeutscher differenziert und kenntnisreich über gesamtdeutsche Themen berichten kann, zeigt hingegen das von Hardy Grüne und Frank Willig herausgegebene Magazin Zeitspiel. Die aktuelle Ausgabe "Ostdeutschland" widmet sich der Frage, warum der dortige Fußball einen qualitativ wie quantitativ so geringen Stellenwert in den westdeutsch dominierten Medien hat. (Magazin Zeitspiel. Foto: Screenshot sj/vds)

Bemerkenswert ist ein Interview mit dem freien TV-Journalisten Uwe Karte aus Dresden, der sich "ein bisschen mehr Interesse im Westen an den Geschichten aus dem Osten" wünscht: "Mir war da zu viel Klischeedenken dabei. Egal, ob nun Flucht, Stasi oder Doping." Die Schieflage sei auch historisch bedingt: "Der Osten hat stets auf den Westen geschaut, der Westen aber nicht auf den Osten."

Der Berliner Journalist Peter Czoch erkennt in der Glosse von Dausend die typische "Exotisierung" von Ostdeutschland: "Während ein Phänomen in der Pfalz als regionale Besonderheit dargestellt wird, wird Ostdeutschland vom Erzgebirge bis zur Ostsee im Ganzen abgehandelt und abgeurteilt." Gerade bei politischen Themen. "Rassismus und Rechtsextremismus werden gerne als ostdeutsches Phänomen dargestellt. Ich frage mich seit langem, wann man mal etwas über die problematischen westdeutschen Standorte von Aachen über Duisburg bis Braunschweig oder Mannheim erfährt." (Fan-Tribüne beim SV Waldhof Mannheim. Foto: picture alliance/foto2 press) 

An kundigen Korrespondenten oder Redakteuren fehle es in kaum einer Redaktion, meint Czoch. Doch wenn die einen Text über Energie Cottbus oder Dynamo Dresden vorschlügen, heiße es, dass man nun mal, leider leider, kaum Leser im Osten habe. Das, glaubt Czoch, sei aber auch eine sich selbsterfüllende Prophezeiung. Denn wenn die eigene Lebenswelt im Medium nicht vorkomme, gebe es eben auch keinen Grund, es zu lesen.

Auch Alexander Ludewig, Sportredakteur beim nd (Neues Deutschland), hat schon erlebt, dass Themen wie Fußballgewalt oder Rechtsextremismus reflexhaft dem Osten zugeschrieben werden. Ost-West-Klischees erkennt er aber auch bei ostdeutschen Vereinen: "Oft heißt es da, wenn man mal wieder schlechte Zahlen präsentieren muss, man sei eben wirtschaftlich-strukturell benachteiligt. Dabei ist das oft nur eine Ausrede für Missmanagement."

Doch auch Ludewig hat das Buch "Eisenkinder" der aus Eisenhüttenstadt stammenden Journalistin Sabine Rennefanz gelesen. "Ihre These ist ja", sagt er, "dass Probleme gerne als ostdeutsch, Erfolge aber als gesamtdeutsch dargestellt werden." Dass da etwas dran sein könnte, dämmerte ihm, als er vor einigen Jahren ein Interview mit dem frischgebackenen Manager von Hansa Rostock, Kevin Meinhardt, geführt hatte, in dem der sich über die ostdeutsche Identität seines Klubs ausließ. Als sein Stück aus der Autorisierung zurückkam, wunderte sich Ludewig: Irgendjemand in der Pressestelle hatte aus der "ostdeutschen" Identität eine "norddeutsche" gemacht.