Serie „Einsteiger, Aussteiger, Umsteiger“
Martin Hägele: Reichlich Erfahrung auf dem asiatischen Kontinent (firo/Augenklick)

Umsteiger Martin Hägele – „Ein kleiner Staatsakt“

Martin Hägele ist ein Weltenbummler, seit zehn Jahren in Diensten des FC Bayern München. Nun erhielt der Asien-Experte die Ehrendoktorwürde der Wirtschafts-Universität Hiroshima.

Mit Dr. h.c. schreibt sich jetzt Martin Hägele. Dem 64-Jährigen wurde die Ehrendoktorwürde der Wirtschafts-Universität Hiroshima verliehen. Hägele, seit zehn Jahren Leiter Internationale Beziehungen beim FC Bayern München, war zuvor über 30 Jahre als Sportreporter unterwegs; die meiste Zeit als fester Freier für die Neue Zürcher Zeitung und die Süddeutsche Zeitung, seinen Bauchladen und eine Handvoll japanischer Sportmagazine. Zwischen 1985 und 1990 setzte Hägele (Foto: privat) als Ressortleiter beim stern Maßstäbe in der Dopingberichterstattung. Seine Texte wurden oft ausgezeichnet, unter anderem in Artikelwettbewerben des VDS.

sportjournalist: Herr „Doktor Hägele“ – wie fühlt sich das an?

Martin Hägele: Ungewohnt, ich hatte ja nie eine Uni von innen gesehen, weil man nach dem Abitur im Jahr 1973 noch ohne Studium ins Volontariat bei der Heilbronner Stimme und damit in meinen Traumberuf reinrutschen konnte.

sj: Wie lief die Feier der Überreichung in Hiroshima ab?

Hägele: Es war schon ein kleiner Staatsakt mit Empfang beim Oberbürgermeister und Kranzniederlegung am Atombomben-Mahnmal. Und nachdem mir der Dekan der Uni den Doktorhut aufgesetzt hatte, musste ich einen langen Vortrag über meine Beziehung zu Japan und meine Freundschaft zu den Sport- und Fußball-Pionieren dieses Landes halten. Dabei habe ich wohl die Emotionen des Publikums im Auditorium des Atombomben-Museums getroffen. Einige der 120 geladenen Gäste hatten Tränen in den Augen.

sj: Wie kamen Sie zu dieser Auszeichnung, wer hat Sie empfohlen?

Hägele: Hiroyuki Hamaguchi, genannt Hamsan, habe ich im November 1994 kennengelernt. Er war damals die rechte Hand von Ken Naganuma und Shunichiro Okano, den zwei korrektesten Sportfunktionären, die mir in diesem Metier begegnet sind. Aus gegenseitiger Sympathie entstand eine innige Freundschaft. Und ein deutscher Sportjournalist, der als objektiver Beobachter des WM-Wahlkampfs 2002 zwischen den Nachbarstaaten Japan und Korea nach Asien gereist war, wurde innerhalb kurzer Zeit zum Anwalt der japanischen Sache.

sj: Und damit wohl automatisch zum unbequemsten Gegner von Chung Mong-joon, dem Sohn des Hyundai-Gründers ...

Hägele: ... weil ich immer wieder geschrieben habe, wie dieser koreanische Strippenzieher Sportjournalisten genauso wie Verbandsfürsten korrumpierte, galt ich bei der WM 2002 in Seoul als Staatsfeind. Dass mein „Spezialfreund“ Chung Mong-joon nun nach 17 Jahren als AFC-Chef und Vizepräsident in Sepp Blatters Tafelrunde im Januar 2015 von der FIFA-Ethikkommission aus dem Verkehr gezogen und sechs Jahre für alle fußballbezogenen Tätigkeiten gesperrt wurde, bestätigte meine Haltung im Nachhinein. Für Hamasan, seit drei Jahren Professor der Hiroshima-Universität Sportmarketing, ein Anlass mehr, mir für „starkes Engagement für die Entwicklung der internationalen Beziehungen durch Sport“ den Ehrendoktor-Titel zu verleihen. Vor zwei Jahren bekam den „Sir“ Bobby Charlton (Foto: Kunz/Augenklick). Und mit einer solch integren Persönlichkeit in einer Reihe zu stehen, das tut schon gut.

sj: Sie arbeiten seit über zehn Jahren nicht mehr als Sportjournalist. Was fehlt Ihnen, wenn Sie an früher denken?

Hägele: Nichts – ich bin ja im Metier geblieben.

sj: Wie kam damals eigentlich der Wechsel zum FC Bayern zustande?

Hägele: Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge wollten mich und mein Netzwerk haben, weil Sie einen Experten für den asiatischen Markt gebraucht haben, der Erfahrung auf diesem Kontinent hatte – und in dieser Sport-Gesellschaft auch akzeptiert war.

sj: Sie sind bald im Rentenalter – was kommt dann, gibt es vielleicht gelegentlich ein Comeback als Autor?

Hägele: Ich möchte mich lieber sozialen Aufgaben widmen. Ganz bestimmt werde ich nicht jüngeren und auch noch freien Sportjournalisten bei ihrem täglichen Existenzkampf in den Rücken fallen.

sj: Manche, die nicht mehr als Sportjournalist arbeiten, verlassen den VDS – Sie aber bleiben Mitglied.

Hägele: Weil ich mich auch als passives Mitglied wohlfühle, und jeden Morgen mit Freude gute Artikel von alten Kollegen und Freunden genieße.

Mit Martin Hägele sprach Wolfgang Uhrig

26.01.2016






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