Interview mit Fußball-Weltenbummler Holger Obermann – Teil I
Trainer Holger Obermann: Weltweit im Einsatz, hier mit afghanischen Fußballspielern (Foto: Verlag Balog & Co.)

„Ratten auf dem Dachboden, Skorpione in der Toilette“

Kaum ein Trainer ist so viel herumgekommen wie Holger Obermann. Dabei hat der Hesse reichlich Elend gesehen. Im Interview erklärt er, warum er niemals aufgegeben hat.

Der Fußball-Journalist Holger Obermann, geboren am 31. August 1936 in Kassel, berichtete von vier Weltmeisterschaften und moderierte die ARD-Sportschau (Porträt-Foto: firo/Augenklick). Aktiv spielte er bei Concordia Hamburg, Hessen Kassel und SC Elizabeth New York. Mit der DFB-Lizenz war Obermann Nachwuchstrainer bei den Offenbacher Kickers und Eintracht Frankfurt. Danach arbeitete er als Fußball-Entwicklungshelfer in 30 Ländern, war unter anderem Nationaltrainer in Gambia und Malaysia. Obermann ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und seit 2013 „Deutscher Fußball-Botschafter“. Er spendet regelmäßig Preisgelder, zum Beispiel für den Bau von Bolzplätzen in Nepal. Das Land war im April und Mai 2015 von schweren Erdbeben erschüttert worden. Obermanns neuestes Buch heißt „Mein Fußball hatte Flügel – Erlebnisse von New York bis Kabul“. Das Werk ist im Verlag Balog & Co. erschienen (186 Seiten, 12,80 Euro).

sportjournalist: Herr Obermann, Sie haben auf fünf Kontinenten und in 30 Ländern als Trainer gearbeitet, dafür den Job als bundesweit bekannter ARD-Reporter aufgegeben. Warum?

Holger Obermann: Ich bin Jahrgang 1936, daheim in Kassel musste ich als Kind im Krieg viel Elend miterleben. In Luftschutzbunkern saßen wir dicht gedrängt zusammen und zitterten. Vielleicht spielten die Wirren des Krieges in meinem späteren Leben eine Rolle, wenn es galt, mich mit Kindern und Jugendlichen in oft ausweglosen Situationen auseinanderzusetzen, zu helfen. Ich ging gern in die Kirche, schob den spastisch gelähmten Freund in seinem Rollstuhl durch die Straßen. Und so habe ich auch als Auslandstrainer immer wieder die sozialen Aspekte einfließen lassen.

sj: Ein Berufsbild, das wohl so nicht vorgesehen war in Ihrer Lebensplanung. Nach dem Abitur kam der Fußball, als Tormann wechselten Sie vom Oberligisten Concordia Hamburg zum SC Elizabeth nach New York.

Obermann: Ich war in den USA einer der ersten deutschen Fußballprofis - lange vor Gerd Müller, Bernd Hölzenbein und Franz Beckenbauer. Als Halbprofi arbeitete ich damals auch noch für den Fernsehsender ABC. Mein amerikanischer Traum endete 1966 mit einem Angebot des Hessischen Rundfunks aus Frankfurt. Dort erwarb ich nebenher meine Trainerlizenz beim Deutschen Fußball-Bund, wurde Jugendtrainer bei den Offenbacher Kickers und später bei Eintracht Frankfurt.

sj: Wie wurden Sie dann „Entwicklungshelfer“ in Sachen Fußball?

Obermann: Eines Tages, im Rahmen einer Fortbildung beim DFB, wurde im Seminar danach gefragt, wer Trainer in Taiwan werden möchte. Taiwan? Die Kollegen sahen sich an, schüttelten die Köpfe. Auf das Abenteuer in einem autoritär geführten Land wollte sich damals, im Jahr 1975, niemand einlassen.

sj: Außer Ihnen.

Obermann: Ich wurde dann nicht nur in Taiwan eingesetzt, sondern vorrangig auch in asiatischen Krisen- und Kriegsgebieten. In diesen Ländern hieß es, spartanisch zu leben, teilweise in Hütten, Zelten oder notdürftig hergerichteten Ruinen.

sj: Sie waren auch in Afghanistan. Was haben Sie dort erlebt?

Obermann: Meine afghanische Behausung bestand aus ein paar kargen Möbelstücken. Sportsachen und andere Utensilien wurden an der Wand aufgehängt. Über mir auf dem Dachboden hausten Ratten, nachts um drei ging es los, wie ein Wettrennen. Und dann Skorpione, die regelmäßig aus dem Waschbecken und der Toilette an die Oberfläche krabbelten.

sj: Hmmm.

Obermann: Schaudern löst in mir noch heute aus, wenn ich an den ersten Tag im Olympic Stadium von Kabul denke, wo während des Taliban-Regimes viele Unschuldige gehängt und gesteinigt worden waren. Vor den Augen von Menschen, die zusehen mussten. Man hatte sie unter fadenscheinigen Gründen, beispielsweise der Ankündigung von Ringkämpfen, in die Arena gelockt und dann alle Eingangstore geschlossen.

sj: Sie hatten nie Angst?

Obermann: Einmal überlebte ich in Afghanistan nur mit Glück einen Anschlag. Und in Osttimor geriet ich zwischen die Fronten eines politischen Machtkampfs zweier Sportpräsidenten. Ich wurde dabei in die Bergwelt Osttimors entführt.

sj: Wie kamen Sie wieder frei?

Obermann: Ich drohte, den mich betreuenden Helfern des Nationalen Olympischen Komitees von Osttimor, den Staatspräsidenten einzuschalten. Das wirkte Wunder, ich konnte nach Frankfurt zurückfliegen.

Mit Holger Obermann sprach Wolfgang Uhrig

Lesen Sie im zweiten und letzten Teil des Interviews mit Holger Obermann, wo der Globetrotter mit einem Totenkopf begrüßt wurde und warum er sich auch weiterhin der Jugend verpflichtet fühlt.

08.02.2016






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