Abschiedsinterview mit Wolf-Dieter Poschmann
Wolf-Dieter Poschmann: „Der journalistische Anspruch hat nachgelassen“ (Foto: firo Sportphoto/Augenklick)

„Ich war immer Getriebener meiner Leidenschaft“

Er war die „Stimme der Leichtathletik“ im ZDF. Jetzt hat sich Wolf-Dieter „Poschi“ Poschmann mit den Olympischen Spielen von Rio verabschiedet. Im sportjournalist-Interview blickt er auf seine Karriere zurück.

Wolf-Dieter Poschmann macht seit 30 Jahren Fernsehen. Der 65-Jährige war beim ZDF unter anderem Moderator des „Aktuellen Sportstudios“, Hauptabteilungsleiter Sport und zuletzt Chefreporter Sport. 1973 wurde Poschmann deutscher Vizemeister im Marathonlauf, er stand 15 Mal in der deutschen Nationalmannschaft der Leichtathleten.

sportjournalist: Herr Poschmann, kam beim Abschied von Ihren 14. und letzten Olympischen Spielen Wehmut auf?

Poschmann: Nicht Wehmut, ein wenig Sentimentalität. Aber vielmehr ein großes Gefühl der Dankbarkeit, mehr als 30 Jahre lang ein klitzekleiner Teil bei sportlichen Großereignissen gewesen zu sein.

sj: Als Rentner haben Sie jetzt mehr Zeit für Ihre Leidenschaft, das Laufen. Sie treten ab, warum?

Poschmann: Ich trete nicht ab, ich wurde im Mai 65 Jahre alt, da macht die verbindliche Pensionierung keinen Bogen um meine Person.

sj: Traurig?

Poschmann: Nein, wirklich nicht. Man unterstellt ja Menschen, die mit Engagement dabei sind, gerne, dass sie schlecht loslassen können. Ich habe mich nach Veränderungen und Brüchen in meinem Leben immer schon schnell mit neuen Möglichkeiten und Chancen anfreunden können, auch wenn eine Trennung mal unangenehm und schmerzvoll war.

sj: Eine neue Chance mit Olympia 2020 bei Eurosport?

Poschmann: Sie werden lachen, diesen Scherz habe ich in der Redaktion schon versucht ... nein, ich bin froh, dass der Stress jetzt vorbei ist.

sj: Sie sprachen eben auch von Engagement – ein Markenzeichen?

Poschmann: Definitiv, ich war immer Getriebener meiner Leidenschaft und Besessenheit in meinem Job, absoluter Perfektionist. Für viele meiner Kollegen bin ich ein Wahnsinniger, aber ich habe das mit großer Freude gemacht. Ich habe meinen Job gerne gemacht, den Aufwand und die Arbeit genossen, ein Stück Lebensinhalt, ja!

sj: Beruf gleich Hobby?

Poschmann: Hobby wäre der falsche Begriff – Leidenschaft, trotz aller Belastungen immer auch Spaß. Ich habe diesen Beruf immer als großes Privileg empfunden (Gala-Foto: GES-Sportfoto/Augenklick).

sj: Was lernt man aus dem Sport für den Beruf?

Poschmann: Ich habe aus dem Leistungssport gelernt, dass man mit Training und Ehrgeiz vermeintliche Grenzen überschreiten konnte, und dennoch Limits akzeptieren musste. Ich hätte mit noch so viel Training nie Olympiasieger werden können, nie einen deutschen Rekord laufen können. Aber in einer guten Situation konnte ich deutscher Meister werden.

sj: Sie stiegen auf zum ZDF-Sportchef, wurden nach zehn Jahren abgelöst.

Poschmann: Ich kam aus einem Kreis von freien Mitarbeitern, die es wagten, die Etablierten, die Gesetzten zu kritisieren. Als ich das Angebot bekam, die Leitung zu übernehmen, gab es nur zwei Alternativen: Entweder ich halte künftig die Klappe oder ich stelle mich der Verantwortung und mache das besser für ein paar Jahre. Wir haben dann sehr schnell gemeinsam viel erneuert, verändert, haben uns gegenseitig überholt mit neuen Ideen. Aber ich habe auch Geduld lernen müssen, dass nicht alle meinem Tempo folgen wollten und dass ich oft zu ungeduldig war. Gleichwohl: eine wunderbare Lebenserfahrung.

sj: Chef von 1995 bis 2000 – und dann haben Sie noch einmal fünf Jahre dran gehängt.

Poschmann: Meine Lebensplanung war das damals nicht. Aber die Verantwortlichen baten mich, das weiterzuführen. Nach knapp zehn Jahren war auch ich dann müde von vielen internen aufreibenden Kämpfen. Beide Seiten waren froh, dass es ein Ende hatte, das sage ich ganz offen (Foto: firo Sportphoto/Augenklick).

sj: Der frühere Kollege Bernd Heller sagte in einem Interview „Mit Poschmann begann der Niedergang des ZDF-Sports“.

Poschmann: Man muss Äußerungen von Ex-Kollegen, die im Streit den Sender verlassen haben, einzuordnen wissen. Ich bin immer für einen altmodischen Begriff eingetreten, der Fairness heißt. Fairness bedeutet auch Respekt. Anderen gegenüber offen und wahrhaft zu sein, wahrhaft im Sinne von echt. Ich verachte hinterlistige Menschen und war immer für offenes Visier, habe aber gelernt, dass sich Menschen hier und da schwer tun mit Offenheit. Das hat meinen Job als Führungsperson auch nicht leicht gemacht. Im Nachhinein, auch heute noch, kommen Leute zu mir und sagen: Bei Dir wussten wir, wo wir dran waren, auch wenn es manchmal schmerzhaft war.

sj: Als Moderator für das „Aktuelle Sportstudio“ folgte der Abpfiff 2011.

Poschmann: Da war nach 280 Sendungen und 17 Jahren die nachhaltige Bitte, den Platz zu räumen. Der Redaktionsleiter Dieter Gruschwitz wollte neue, junge Leute platzieren. Sicher hätte ich gerade diese Sendung, die mir so am Herzen lag, gerne noch ein oder zwei Jahre länger moderiert, aber ich habe mir dann auch vor Augen geführt, dass ich ja selbst 1994 auch nur durch den Verzicht eines älteren Kollegen zu dieser Aufgabe gekommen bin.

sj: Zu Ihrem Markenzeichen gehören Interviews. Was macht einen guten Interviewer aus?

Poschmann: Dass er hellwach ist, gut zuhört, flexibel auf die Antworten reagiert und souverän genug ist, von seinem ursprünglichen Frageplan abzuweichen, wenn es angemessen scheint.

sj: Ihr Leben im ZDF – dachten Sie mal an einen Wechsel?

Poschmann: (schmunzelt) Mit einer Ausnahme hatte ich von allen Sendern Angebote. Ich habe alle geprüft und oft war das dann ganz schnell vom Tisch.

sj: Warum?

Poschmann: Ein wesentliches Argument war die Vielfalt. Ich hatte immer das Gefühl, dass das ZDF mir ein großes Spektrum des Sports bietet. Das war mir ganz wichtig. Nur wer schätzen gelernt hat, mit Olympiasiegern und Weltrekordlern noch ganz normal reden zu können, weiß den Para-Kosmos und die Aufgeregtheit des Fußballs sinnvoll einzuordnen.

sj: Wie hat sich Berichterstattung in Ihren 30 Jahren verändert?

Poschmann: Berichterstattung heute ist braver und geschmeidiger geworden, weniger kontrovers. Viele sind im Kampf mit der Konkurrenz wankelmütiger geworden, der journalistische Anspruch hat nachgelassen. Man folgt Strömungen, Tendenzen, die schnell vorgegeben werden und kritiklos übernommen werden. Randnotizen werden überhöht, Hintergründe bleiben ebenda, das ist sehr bedauerlich. Es fehlt an Reflexion, an der Frage, wofür möchte der Sender, die Redaktion, der Reporter selbst stehen.

Mit Wolf-Dieter Poschmann sprach Wolfgang Uhrig

Das Interview in voller Länge finden Sie in der Ausgabe September 2016 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

23.09.2016






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