Spiegel-Redakteure Wulzinger und Buschmann im Interview – Teil I
Michael Wulzinger (l.) und Rafael Buschmann (Foto: Spiegel)

„Schmutziger Lieblingssport“

Die „Football Leaks“ sorgten für einige Aufregung. Im ersten Teil des sportjournalist-Interviews erklären die Spiegel-Redakteure Michael Wulzinger (52) und Rafael Buschmann (35), wie die Enthüllung ihren Anfang nahm. Alles begann mit einer E-Mail an einen unbekannten Adressaten.

sportjournalist: Michael Wulzinger und Rafael Buschmann, wie und wann haben Sie das erste Mal Kontakt zu den Machern der „Football Leaks“ aufgenommen?

Rafael Buschmann: Die Homepage ging im Herbst 2015 an den Start, und von da an wurden die ersten geleakten Dokumente veröffentlicht. Kurz darauf schrieb ich den Betreibern über die auf deren Website genannte Kontaktadresse eine erste E-Mail. Danach noch eine und noch eine. Ein relativ hilfloser Versuch, Kontakt aufzunehmen. Aber eine andere Möglichkeit hatten wir nicht. Und uns war klar, dass wir sicherlich nicht die einzigen Reporter waren, die versuchten, an die Macher heranzukommen.

sj: Die New York Times veröffentlichte bereits im Dezember 2015 einen E-Mail-Austausch mit einem der Betreiber der Seite, der sich „John“ nannte. War die Story nach dieser Veröffentlichung nicht für Sie gestorben?

Michael Wulzinger: Die Enttäuschung, wenn ein anderes Medium eine solche Geschichte früher verbreitet, ist immer groß. Aber die Inhalte dieses E-Mail-Interviews waren überschaubar. Wir versuchten weiterhin, Kontakt zu den Whistleblowern aufzunehmen. Irgendwann kam Rafael in mein Büro gerannt und sagte, wir hätten eine Antwort auf unsere vielen Mails bekommen.

Buschmann: Der Verfasser, John, fragte mich, welche Probleme ich mit dem aktuellen Fußball hätte. Ich versuchte eine gute Mischung zu finden, damit ich ihn einerseits mit der Arbeit und den Bemühungen des Spiegel in Sachen investigativem Fußballjournalismus beeindrucken konnte und ihn andererseits nicht zu sehr verschreckte. Wir hatten zu dem Zeitpunkt nicht den Hauch einer Ahnung, wer sich hinter John versteckte.

sj: Wie ging es weiter?

Buschmann: John und ich schrieben uns von da an regelmäßig.

Wulzinger: Zeitgleich zu Rafaels Anbahnungsarbeit veröffentlichte „Football Leaks“ immer mehr Dokumente und ließ erkennen, was für ein Sumpf der Profifußball geworden ist und dass die Macher offenbar an alle möglichen streng vertraulichen Inhalte kommen konnten. Die von ihnen veröffentlichten Dokumente betrafen nahezu alle großen Namen des Spitzenfußballs.

sj: Welche Motivation hatten Sie bei den Versuchen, mit den Verantwortlichen von „Football Leaks“ in Kontakt zu treten? Hätte es nicht gereicht, die geleakten Dokumente zu untersuchen?

Buschmann: Nein, denn erstens konnte man damals noch nicht zu 100 Prozent davon ausgehen, dass es sich um echte Dokumente handelte und zweitens glaube ich, dass solche Leaks niemals ungeprüft in die Öffentlichkeit gelangen sollten. Es ist die Aufgabe von uns Journalisten, solche Dokumente und die ganze Geschichte dahinter aufzuarbeiten. Zudem war klar: Wenn solch brenzlige Daten auf der Homepage auftauchen, werden die Betreiber womöglich noch viel mehr von diesem Material haben. Diese Aussicht hat uns natürlich sehr gereizt.

sj: Wie lief der Kontakt weiter?

Buschmann: Irgendwann übermittelte er uns einen ersten Datensatz mit Hunderten Dokumenten, den wir erst einmal verarbeiten mussten. Darin waren Verträge, Mails, Zahlungsanweisungen in deutscher, englischer, spanischer und chinesischer Sprache, das war alles ziemlich kompliziert. Es war zu diesem Zeitpunkt auch nicht klar, wie „Football Leaks“ an die Dokumente gekommen war, wer dahintersteckte, welchem Zweck das alles dienen sollte. Wobei ich inzwischen von John erfahren hatte, dass er das alles mache, weil er als Fußballfan der Öffentlichkeit zeigen wollte, wie schmutzig sein Lieblingssport geworden ist.

Mit Michael Wulzinger und Rafael Buschmann sprach Alex Raack. Lesen Sie im zweiten Teil des dreiteiligen Interviews, welch umfangreiche technischen und personellen Strukturen notwendig waren, um den gigantischen Datenmengen Herr zu werden.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Oktober/November 2017 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

01.12.2017






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