Sommerspiele 2020 gefährdet
Dennis Trautwein (Foto: Octagon Germany)

Marketing-Experte Dennis Trautwein – „Verunsicherung ja, Panik nein“

Für Octagon, die Beratungsagentur im Bereich Sport und Entertainment, hat Dennis Trautwein in Tokio ein Büro aufgebaut. Mit sportjournalist.de sprach er über die mögliche Absage der Olympischen Sommerspiele, Ähnlichkeiten zwischen Deutschen und Japanern sowie das Leben in einer Mega-City.

Dennis Trautwein, vormals Vice President Octagon Germany und bis Ende 2020 Agency Director Octagon Tokio, lebt und arbeitet seit gut einem Jahr in der japanischen Hauptstadt. Der Auftrag des 40-Jährigen war zunächst die Kundenbetreuung während der Rugby-WM 2019, ist aber vielmehr der Auf- und Ausbau des Olympia-Büros der weltweit tätigen Kreativ- und Beratungsagentur. Seine Familie – Frau und zwei Söhne – ist mit ihm nach Fernost gegangen.

sportjournalist: Herr Trautwein, wir erwarten keine hellseherischen Einlassungen von Ihnen auf die Frage, ob die Olympischen Spiele diesen Sommer stattfinden werden. Aber können Sie uns bitte die Stimmung in Tokio angesichts der jüngsten Entwicklungen rund um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus schildern?

Dennis Trautwein: Ob die Spiele planmäßig ausgetragen werden – das ist aktuell sicherlich die Königsfrage. Ich bin kein Virologe und würde mir nicht anmaßen, einen Ausblick auf die Situation zu geben, aber das Thema ist omnipräsent und die Sorge um die Durchführbarkeit der Veranstaltung beschäftigt uns alle (Foto: firo sportphoto/Augenklick).

sj: Herrscht Verunsicherung oder gibt es inzwischen sogar Anzeichen für eine Art Panik vor den Folgen der Virus-Ausbreitung?

Trautwein: Verunsicherung ja, Panik nein. Bis vor kurzem gingen wir hier alle noch davon aus, dass die Spiele wie geplant stattfinden können. Uns, wie auch allen anderen Stakeholdern in diesem Ecosystem, blieb zunächst gar keine andere Wahl, als entsprechend weiter zu planen, da sich Stagnation zum jetzigen Zeitpunkt fatal auf die Umsetzung im Sommer auswirken würde. Wir befinden uns metaphorisch gesehen ja schon auf der Zielgeraden.

sj: Wie war vor der Coronavirus-Pandemie die Olympia-Stimmung?

Trautwein: Auch wenn nun die Ungewissheit und die Sorge vor einer Absage natürlich zunehmen: Die Stimmung war generell geprägt von spürbarer Begeisterung und Stolz. Japaner sind grundsätzlich sehr sportbegeistert, unabhängig von Olympia. Diese Spiele sollen Japan als ein Land darstellen, das sich nach der Katastrophe 2011 nicht nur wieder aufrichtet, sondern stärker wieder zurückkommt. Sie müssen wissen: In Japan ist man grundsätzlich weniger kritisch, zumindest teilt man Kritik nicht zwangsläufig öffentlich mit. Inzwischen aber glauben auch Japaner nicht mehr unbedingt, dass die Spiele stattfinden werden.
 
sj: Sie leben normalerweise in Köln und arbeiten in Düsseldorf. Bereitet Ihnen das Leben in einer Mega-City Alltagsprobleme?

Trautwein: Das ist relativ. An manchen Punkten merkt man der Stadt ihre gigantische Größe, die hohe Taktung und die riesige Einwohnerzahl an zumal im Vergleich zu deutschen Großstädten. An manchen Punkten aber ist es sogar ruhiger, beinahe entschleunigter. Zum Beispiel in unserem Wohnviertel. Klar: Das Leben in Tokio stellt uns schon vor Herausforderungen, doch wir haben uns gut akklimatisiert. Neuartig waren anfangs auch die Umgangsformen. Die sind sehr von Höflichkeit geprägt, von sprachlichen Formeln und Regularien. Natürlich gibt es Sprachbarrieren (Foto: Bernhard Kunz/Fotoagentur Kunz/Augenklick).

sj: Findet man sich mit Englisch zurecht?

Trautwein: Durchaus. Tokio ist ja eine sehr internationale Metropole. Englisch bringt einen da schon ans Ziel in der Regel. Vor allem beruflich. Muss es auch. Die Hälfte meines Teams beispielsweise ist japanisch, ich aber verfüge auch nach einem Jahr über höchstens rudimentäre Japanisch-Kenntnisse, darum wäre ohne Englisch nur wenig Austausch möglich. Manchmal, vor allem in der Freizeit, benutzt man Übersetzungsprogramme.

sj: Nicht selten hört man, Deutsche und Japaner seien sich in mancherlei Hinsicht durchaus ähnlich. Wie sehen Sie das?

Trautwein: Stimmt. Im Herzen sind sich Deutsche und Japaner sehr nah. Einer der wesentlichen Gründe hierfür ist die gegenseitige Wertschätzung oder gar Bewunderung dafür, wie organisiert und strukturiert beide an ihre Themen herangehen.

Mit Dennis Trautwein sprach Frank Schneller

17.03.2020






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