RTL-Sportchef Andreas von Thien im Interview – Teil I
Fußball und Geldscheine (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

„Die Summen sprengen die Budgets“

Als RTL-Sportchef muss Andreas von Thien den Spagat zwischen seriöser Berichterstattung und emotionaler Aufladung der Events hinbekommen. Warum dabei der Fußball die entscheidende Rolle spielt und wie es um neue Sporthelden steht, erklärt das VDS-Mitglied, Jahrgang 1967, im ersten Teil des zweiteiligen Interviews auf sportjournalist.de.

sportjournalist: Herr von Thien, haben Sie mal ordentlich geflucht an den letzten Bundesliga-Spieltagen der vergangenen Saison?

Andreas von Thien: Ach, fluchen, das ist vorbei. Das haben wir früher auf dem Ascheplatz gemacht. Heute versuchen wir, Probleme nicht zu problematisieren, sondern Lösungen zu finden und Herausforderungen anzunehmen.

sj: Europa League – das waren in den vergangenen Jahren fantastische Choreographien, große Stimmung. Es hätten Gladbach und Frankfurt werden können. Es wurden Leverkusen, Hoffenheim und Wolfsburg (von-Thien-Foto: RTL).

von Thien: Leverkusen ist super, die spielen in Europa seit 25 Jahren vorne mit. Hoffenheim ist für uns ein spannender Neuling, Wolfsburg kennen wir auch ein bisschen. Fanstarke Vereine sind das i-Tüpfelchen, aber ein tolles Produkt funktioniert zuschauermäßig, wenn der Erfolg da ist. Sonst wird es etwas schwieriger. Ich finde es spannend: Wir haben ein hochattraktives Recht, und im kommenden Jahr bauen wir das noch einmal ultimativ aus. Mit der Europa Conference League kommen dann 2021 auch interessante Vereine ins Spiel, die man im europäischen Konzert vielleicht noch nie auf dem Zettel hatte.

sj: Fußball geht immer, heißt es. Geht Fußball immer?

von Thien: Ja. Früher hatten wir Helmut Thoma als Chef. Der hat immer gesagt, in der Live-Berichterstattung gibt es fünf Themen: Fußball, Fußball, Fußball, Formel 1 und Boxen. Fußball bleibt DAS Premiumprodukt. Wir haben die Nationalmannschaft, die Europa League, demnächst die Europa Conference League – wir sind gesegnet. Zudem können wir auch im Nachrichtensport, in meinem Bereich, auf die Bilder zurückgreifen.

sj: Fußball frisst alles. Nach wie vor. Gibt es Hoffnung, dass sich das noch mal ändert?

von Thien: Ich würde es mir wünschen. Die ganze Entwicklung und die Summen, die im Spiel sind, sprengen die Budgets. Da musst du dir als Privatsender sehr genau überlegen, wie viel Investment vertretbar ist. Ich glaube trotzdem, dass gerade in der nachrichtlichen Berichterstattung ganz viel Platz für anderes ist. Wir legen gerade auch in der Coronakrise den Fokus zum Beispiel auf gut erzählte Geschichten aus dem olympischen und paralympischen Sport.

sj: Im RTL-Programm hat vieles sehr gut funktioniert. Boxen mit Henry Maske und den Klitschkos. Formel 1. Skispringen. Wimbledon.

von Thien: Da bekomme ich gleich eine Gänsehaut. Ich habe Henry, Axel Schulz und die Klitschkos ganz eng begleitet. Martin Schmitt, Sven Hannawald und andere große Sportler auch. Wir hatten die richtigen Protagonisten, die Heldengeschichten geschrieben haben. Was uns allen heute manchmal fehlt, sind die Gladiatoren, die mehr bieten als rein sportliche Leistung. Im Boxen etwa gibt es die im Moment leider nicht.

sj: Es ist also schwieriger geworden, Sportler aus dem fußballfernen Bereich mit den für RTL notwendigen Emotionen zu verbinden?

von Thien: Wenn wir über Livesport reden: ja. Der funktioniert – außer beim Fußball – vor allem über deutsche Helden oder solche, mit denen man sich hierzulande gerne identifiziert. Im Nachrichtenbereich erzählen sich Sportlergeschichten auch über das Außergewöhnliche, die Persönlichkeit und Nähe.

Mit Andreas von Thien sprach Thomas Nowag. Lesen Sie im zweiten und letzten Teil des Interviews, welcher entscheidende Bestandteil emotionaler Berichterstattung derzeit gerade schmerzlich vermisst wird.

Dieses Interview stammt aus dem sportjournalist. Es wurde für die Verbreitung über die digitalen Kanäle des VDS gekürzt und als Zweiteiler angelegt. Hier geht es zur Bestellung von sj-Jahresabonnement und Einzelheften beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

16.11.2020






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