Interview mit FAZ-Sportchef Anno Hecker I
Tattoo mit Olympischen Ringen (Foto: GES-Sportfoto/Edith Geuppert/augenklick)

„Steril waren die Spiele in Tokio gar nicht“

Die Olympischen Sommerspiele waren ganz erheblich von der Corona-Pandemie geprägt. FAZ-Sportchef Anno Hecker erlebte dennoch sehr intensive Wettkämpfe. Im ersten Teil des vierteiligen sportjournalist-Interviews spricht das Frankfurter VDS-Mitglied über seine vielfältigen Erfahrungen in Tokio.

Seit Mai 1991 gehört Anno Hecker der Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an (Foto: FAZ). Im Juli 2012 übernahm der 57-Jährige die Leitung des Ressorts. Zu Heckers inhaltlichen Schwerpunkten zählen Formel 1, Doping, Sportpolitik, Wintersport und Basketball. Der gebürtige Kölner ist Mitglied im Verein Frankfurter Sportpresse.

sportjournalist: Herr Hecker, Sie waren als Reporter in Tokio. War es richtig, die Spiele und in der Folge auch die Paralympics auszurichten?

Anno Hecker: Ich tue mich schwer zu beurteilen, ob sie unbedingt hätten stattfinden sollen. Es gibt mehrere Perspektiven. Durch die Brille eines leidenschaftlichen Sportjournalisten betrachtet, habe ich mich gefreut, dass man erstklassige Wettkämpfe mit Top-Athleten und aus aller Welt sehen konnte. Und das auf exquisiten Sportstätten. Die Organisatoren hatten, das haben mir Sportler verschiedenster Sportarten berichtet, beste Bedingungen geschaffen. Aus Sicht der Athleten war es ebenfalls enorm wichtig, dass diese Spiele stattfanden, dass sie für ihre Mühen belohnt wurden, zumal rund 60 Prozent von ihnen keine zweite Teilnahme-Chance haben werden. Aber man muss auch an das Gastgeberland denken. Es war lange klar, dass die japanische Bevölkerung erhebliche Sorgen formulierte. Sie war nicht gegen die Spiele an sich, sondern gegen den Zeitpunkt der Austragung. Diese über Umfragen bekannt gewordenen Sorgen sind nicht geringer geworden. Zuletzt konnte man das auch mit Blick auf die Paralympics feststellen: Da hieß es im Vorfeld, man wolle bis zu 100.000 Schulkinder auf die Tribünen lassen – aber bis vor Ende der Spiele zählte man nur knapp 8000 in den Arenen. In Zeiten der Pandemie ist dies sicher auch ein Zeichen von Angst. Wir wissen auch nicht verlässlich, ob es nicht doch einen Zusammenhang zwischen den Sommerspielen und dem Anstieg der Inzidenzen im Notstandsgebiet Tokio gegeben hat. Vermutlich wird das auch nie geklärt werden.

sj: Deckten sich Ihre Erwartungen oder gar Befürchtungen mit dem Erlebten?

Hecker: Ich hatte mich im Vorfeld gefragt: Was kommt da auf uns zu? Ich war zugegebenermaßen angespannt wegen des schwierigen Prozederes. Insofern wurde die Erwartungshaltung im positiven Sinne übertroffen. Es war alles sehr gut organisiert. Mit den zwangsläufigen Einschränkungen konnte ich mich gut arrangieren. Es hat nahezu alles funktioniert.

sj: Wie gegenwärtig war die Infektionsgefahr und die Angst vor einem Superspreader-Event?

Hecker: Auch das kann oder muss man aus zwei Perspektiven betrachten: Ich glaube nicht, dass von uns Journalisten eine größere Infektionsgefahr ausging und dass sich das noch herausstellt. Aber ein indirekter Zusammenhang zwischen Olympia und Infektionsgeschehen kann nicht ausgeschlossen werden. Es wird sicher politisiert. Innerhalb Japans beispielsweise. Die Infektionszahlen könnten auch in die Höhe geschnellt sein, weil sportbegeisterte Japaner sich die Wettkämpfe zuhause gemeinsam und in größeren Gruppen angesehen haben. Sich daher jetzt hinzustellen und zu sagen: Es ist alles gutgegangen – das wäre mir auch zu einfach.  

sj: Stellvertretend für die „Daheimgebliebenen“ die Frage: Wie war es um das Live-Erlebnis vor Ort eigentlich wirklich bestellt? Um das fehlende Flair, das Olympia so einzigartig macht?

Hecker: Wir haben im Vorfeld geschrieben, es würden sterile Spiele. Ich konnte mir das nicht anders vorstellen. Das war eine Fehleinschätzung. Sport auch mal sehr intensiv hören zu können, war schon sehr spannend und sorgte für eine bestimmte, ja ganz spezielle Atmosphäre. Sie hören Nuancen – für mich ein neues Erlebnis in unseren sonst so dröhnenden Arenen und Sporthallen. Es knisterte, man konnte ohne die übliche Geräuschkulisse mit allen Sinnen erfassen: Es geht gerade um etwas. Ich war mitunter noch eingenommener vom Augenblick (Stadion-Foto: GES-Sportfoto/Edith Geuppert/augenklick/Pool).

sj: Und die Interaktion zwischen Publikum und Aktiven?

Hecker: Natürlich wünschen wir uns die. Denken Sie an die Leichtathletik – das Klatschen beim Anlauf im Weitspringen, aber daraus zu schließen, dass in Tokio keine Stimmung herrschte, greift zu kurz. Es geht durchaus auch um die Stimmung unter den Athleten – und die habe ich in Tokio besonders intensiv beobachtet. Steril war das gar nicht.

Mit Anno Hecker sprach Frank Schneller. Im zweiten Teil des vierteiligen Interviews geht es um die Tücken medialer Kommunikation in Zeiten der Corona-Pandemie.

18.10.2021






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