Interview mit FAZ-Sportchef Anno Hecker III
Sicherheitskräfte in Peking (Foto: Fotoagentur Kunz/augenklick)

„Peking wird sehr spannend“

Olympische Winterspiele in Peking, Fußball-WM in Katar – beide Staaten sind extrem weit von Demokratrie entfernt. FAZ-Sportchef Anno Hecker rät trotz berechtigter Kritik an den politischen Verhältnissen in diesen Ländern zu einem differenzierten Blick. Im vorletzten Teil des vierteiligen sportjournalist-Interviews spricht das Frankfurter VDS-Mitglied über Haltung und Opportunismus.

Seit Mai 1991 gehört Anno Hecker der Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an (Foto: FAZ). Im Juli 2012 übernahm der 57-Jährige die Leitung des Ressorts. Zu Heckers inhaltlichen Schwerpunkten zählen Formel 1, Doping, Sportpolitik, Wintersport und Basketball. Der gebürtige Kölner ist Mitglied des Vereins Frankfurter Sportpresse. Im ersten Teil des vierteiligen Interviews ging es um Heckers vielfältige Erfahrungen bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio. Der zweite Teil widmete sich den Tücken der medialen Kommunikation in Zeiten der Corona-Pandemie.

sportjournalist: Herr Hecker, blicken wir auf Peking und Katar – zwei undemokratische Gastgeber. Wie gehen wir das an? Was erwartet uns?

Anno Hecker: Ein unglaublich interessantes Berichterstattungsfeld. Peking wird sehr spannend – man muss das ja im Gesamtkontext sehen. Und der ist ein politischer. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass Sport ganz stark mit Politik verwoben wird. Nicht nur von Staaten, auch von den Sportverbänden, vom IOC, das reicht bis hin zu den Athleten und auch Medien. Wie gehen wir damit um? Ich bin der Auffassung, dass wir in erster Linie Journalisten sind und uns spezialisiert haben. Wer zum Skispringen geschickt wird, sollte den Sport im Fokus haben, aber auch die Augen offen halten, für das was drum herum geschieht, was es beeinflusst. Das muss nicht in jedem Text mitschwingen. Nicht jedes Stück zur Tour de France muss einen Absatz zum Thema Doping enthalten, damit es als gut bewertet werden kann oder unangreifbar erscheint, falls sich im Nachhinein eine Manipulation offenbart. Aber wir sollten uns davor bewahren, mit Scheuklappen durch die Gegend zu laufen. Man muss keine politische Berichterstattung machen, aber die politischen Zusammenhänge und Motive erkennen und ansprechen. Der Sport ist, nicht nur bei Olympia, sehr politisch.

sj: Verheben wir uns dabei aber nicht manchmal? Müssten wir uns nicht häufiger Support aus anderen Ressorts holen?

Hecker: Es wäre ratsam, auch für den eigenen Horizont, daran zu denken. Oder Korrespondenten einzubinden wie in unserem Falle in Tokio den Kollegen Patrick Welter. Der hat uns informiert, mit uns diskutiert, Einblicke verschafft. Wir alle stellen doch fest: „Das überfordert mich jetzt. Darüber weiß ich nicht genug.“ Wir können nicht Trainingswissenschaftler, Mediziner, Physiologen, Ingenieure, Politologen, Soziologen, Psychologen in einem sein, vermutlich die wenigsten von uns. Aber das ist auch nicht unsere Aufgabe. Unsere Aufgabe und hohe Kunst ist es, deren Wissen zu sammeln, zu übersetzen, einzuordnen. Wenn es dazu gelingt, die Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ressorts, die Korrespondenten zu gewinnen, dann kann das sehr befruchtend sein.

sj: Worauf Sind Sie noch gespannt?

Hecker: Wir werden aus den USA vermutlich Gegenwind erleben. An einen Boykott der Winterspiele wie einst in Moskau 1980 oder Los Angeles 1984 glaube ich nicht. Aber wir hören ja von Politikern, dass sie für einen Boykott zumindest der Politik-Prominenz werben. Es wird auch darauf zu achten sein, wie weit die Restriktionen wegen der Pandemie reichen. Die werden vermutlich noch schärfer sein als in Japan. Man muss beobachten, ob Corona zur Kontrollausweitung benutzt wird.
    
sj: Und Katar ...

Hecker: ... spielt in der Weltpolitik eine ganz andere Rolle. Katar will sich mit Nachdruck positionieren in der Region. Die Bedingungen dort genau unter die Lupe zu nehmen ist unbedingt nötig. Aber: Wir sollten auch bereit sein, Veränderungen anzuerkennen, wenn es sie denn gibt. Am besten ist es, sich selbst ein Bild zu verschaffen und sich nicht auf Berichte anderer zu verlassen, von wem sie auch kommen. Auch für diese WM gilt: Schickt Kolleginnen und Kollegen hin, die über Fußball schreiben, lasst sie über den Tellerrand schauen (Zuschauerinnen-Foto: sampics Photographie/augenklick).  
 
sj: Inwieweit sollte Haltung im Sportjournalismus mitschwingen? Und wer hat dabei die absolute Deutungshoheit?

Hecker: Haltung finde ich generell wichtig. Der Schutz der Menschenwürde und der -rechte sind indiskutabel. Aber schon die Frage, wie sich Aktive oder Funktionäre äußern dürfen während des Wettkampfs führt zu heftigen Diskussionen. Was ist denn eine politische Haltung? Anti-Rassismus und Anti-Diskriminierung – so etwas halte ich nicht für politisch. Aber die Unterscheidung, wer sich wann und wie äußern darf oder gar sollte, die ist schon komplizierter. Mit der Deutungshoheit tue ich mich schwer. Ich habe noch keinen vernommen, der den Stein der Weisen gefunden hat. Formel 1 und Fußball haben den Protest der „Black lives matter“-Bewegung teils institutionalisiert. Aber hinter vorgehaltener Hand kriegt man dann aus Verbandskreisen zu hören: So richtig durchziehen können wir das ja eigentlich gar nicht, denn dann bekommen wir noch ganz andere Botschaften in den Stadien oder kurz vor Beginn der Wettkämpfe. Lewis Hamilton hat zum Beispiel mal die Inhaftierung von Polizisten gefordert, so stand es auf einem T-Shirt während einer Siegerehrung. Das ist nicht verboten worden. Aber für das nächste Rennen wurde die Kleiderordnung so umformuliert, dass er jeder nur noch in Teamklamotten auftreten darf (Fußball-Foto: Peter Schatz/via sampics Photographie/Pool/augenklick).

sj: Das politische Statement im Stadion oder in der Halle – richtig oder falsch?

Hecker: Schwierige Frage. Während Sportevents und Siegerehrungen hat es schon politische Botschaften gegeben, die ich persönlich schrecklich fand. Außerdem: Was, wenn die Botschaft unserem Wertekompass nicht entspricht? Ich wünsche mir zwar, dass es diese Meinungsfreiheiten im Stadion gibt, überall auf der Welt, aber ich sehe noch keine Formel, wie das richtig gehandhabt werden kann. Und so lange das so ist, würde ich dafür plädieren, es während Wettkämpfen zu lassen. Andererseits: Wenn schon die Wahl Pekings als Winterolympia-Austragungsort eine politische Botschaft ist – und das ist sie –, darf man Aktiven doch nicht untersagen, sich ebenfalls zu positionieren. Das ist eine sehr komplexe Debatte. Der Journalismus hat dabei zunächst die wichtige und schwere Aufgabe herauszufinden: Was ist tatsächlich guter Wille, was Instrumentalisierung, was Opportunismus? Ich finde, das wiederum gelingt insgesamt ganz gut. Vor allem dann, wenn erkennbar wird: Einzelne Athlet riskieren etwas. Gehen ins Risiko, um eine Haltung zu demonstrieren. Das überzeugt mich am meisten. Chapeau! Aber Sie merken: Ich sehe noch keine alles umfassende Lösung. Ich finde es aber einen wunderbar, dass dieses Thema durch den Einsatz von Athletinnen und Athleten endlich die Aufmerksamkeit und Plattform bekommt, die angemessen ist. Wenn das so bleibt, dann bin ich überzeugt, dass kluge Menschen eine Lösung finden.

Mit Anno Hecker sprach Frank Schneller. Lesen Sie im letzten Teil des vierteiligen Interviews, welche Auswirkungen auf die Arbeit der FAZ-Sportredaktion die Verschiebung des Erscheinungstages der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf den Samstag hat.

04.11.2021






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