Sportjournalismus-Aussteigerin Ulrike Spitz
Ulrike Spitz (Foto: Peter Hartenfelser/A2 Bildagentur)

„Ich musste nie lügen“

Skilangläuferin, Sportjournalistin und Pressesprecherin – Ulrike Spitz hat schon einiges erlebt. Im sportjournalist-Interview der Reihe „Einsteiger, Aussteiger, Umsteiger“ erklärt das Mitglied des Vereins Frankfurter Sportpresse, das am Sonntag Geburtstag hat, was nun im Ruhestand geplant ist.

Hinter Ulrike Spitz, geboren am 16. Januar 1956, liegen mindestens drei Karrieren. Als Skilangläuferin war sie von 1974 bis 1978 Mitglied des deutschen Nationalteams und verpasste die Olympischen Spiele 1976 nur knapp. Seit 1980 arbeitete sie als Sportredakteurin unter anderem für die Badische Zeitung und die Frankfurter Rundschau, deren Sportchefin sie 2002 wurde. Fünf Jahre später wechselte sie erneut die Seiten und als Leiterin Kommunikation zur NADA. Von 2015 bis zu ihrem Renteneintritt am 1. Dezember 2021 war sie als Pressesprecherin des DOSB tätig. Spitz ist Mitglied im Verein Frankfurter Sportpresse.

sportjournalist: Frau Spitz, sind Sie auf Ihren Ruhestand vorbereitet?

Ulrike Spitz: Es ist ein Privileg, dass ich mein gesamtes Berufsleben mit Dingen verbracht habe, bei denen ich mit dem Herzen dabei war, aber ich freue mich auf mehr freie Zeit, die ich unter anderem mit Sport an der frischen Luft verbringen kann. Das kam zu kurz, denn ich hatte keine Nine-to-five-Jobs. Außerdem werde ich bei den Winterspielen viel vorm Fernseher sitzen – es sind die ersten seit mehr als 40 Jahren, die mich in keiner Form persönlich betreffen.

sj: Gibt es Etappen Ihres Berufslebens, die Sie in besonders eindrücklicher Erinnerung haben?

Spitz: Ich bin froh, dass ich sie alle hatte, weil ich den Sport dadurch von vielen Seiten kennengelernt habe. Ich war nach meiner aktiven Karriere sehr gerne Sportjournalistin, wollte irgendwann aber noch mal mitmachen und nicht nur draufgucken. Als Skilangläuferin war ich zwangsläufig mit dem Thema Doping konfrontiert, die Arbeit bei der NADA war mir deshalb wichtig.

sj: Sind Sie beim DOSB bei Olympia mal zur Eröffnungsfeier mit ins Stadion eingelaufen?

Spitz: Nein. Das habe ich als Aktive nicht geschafft – deshalb wollte ich das nicht. Es muss ja immer jemand aus der Presseabteilung dabei sein, aber das wurde so akzeptiert, das hat dann jemand anderes übernommen. Ich habe es aber sehr genossen, Olympische Spiele als Team zu erleben. Dabei entstand eine Dynamik, die mich sehr an meine sportliche Karriere erinnert hat. Neben den eigentlichen Aufgaben macht man alles, was gerade gefragt ist – egal, ob man einer frierenden Athletin eine Decke leiht oder fürs Training einen Fußball organisiert.

sj: Wie viel Veränderung bedeutet der Wechsel von einer Zeitung in eine Pressestelle?

Spitz: Das ist ein Berufswechsel. Man ist keine unabhängige Journalistin mehr, sondern vermittelt für einen Arbeitgeber Themen, die ihm wichtig sind. Ich wusste aber, worauf ich mich einlasse, und hätte für niemanden gearbeitet, hinter dessen Werten ich nicht stehe. Trotzdem ist es nützlich, vorher als Journalistin gearbeitet zu haben. Ich verstehe uns auch immer als Servicestelle für Journalisten, damit sie ihre Arbeit machen können.

sj: Mussten Sie Sachverhalte kommunizieren, die Sie als Journalistin anders eingeordnet hätten?

Spitz: Es gab Situationen, in denen ich persönlich eine andere Einschätzung hatte. Das muss einem bei einer solchen Aufgabe bewusst sein. In der Bewertung meiner gesamten DOSB-Zeit hatte ich intern immer die Chance, meine Meinung darzulegen, die wurde in der Regel immer wertgeschätzt, aber natürlich gibt es letztlich eine Verbandsposition. Ich musste aber nie lügen und hatte durch die interne Offenheit auch nie das Gefühl, mich verbiegen zu müssen (Foto Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio: GES-Sportfoto/Marvin Ibo Güngör/augenklick).

sj: Wie grenzt man sich als Person von Kritik an der Organisation, für die man spricht, ab?

Spitz: Man kommuniziert nicht nur Erfolgsmeldungen. Das letzte halbe Jahr war nicht einfach, mein Anfang beim DOSB Ende 2015 mit der gescheiterten Olympia-Bewerbung von Hamburg war es auch nicht. Aber ich habe das nie als große Belastung empfunden. Das fällt aber klar in den Bereich Lernen und ist mal schwerer und mal leichter. Mit Kritik hatte ich keine Probleme, aber unfaire Kritik am DOSB hat mich schon auch persönlich getroffen, selbst wenn ich wusste, dass ich nicht gemeint war.

Mit Ulrike Spitz sprach Katrin Freiburghaus. Dieses Interview stammt aus dem sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung gedruckter Einzelhefte beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den ab Februar 2022 monatlich erscheinenden sportjournalist als digitalen Newsletter automatisch per E-Mail. Magazin-Ausgaben bis Dezember 2021/Januar 2022 können zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF heruntergeladen werden.

14.01.2022






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