Olympia-Kolumne „Neues vom Giganten“
Straßenverkäuferin in Brasilien (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

Emotionaler Test in Zeiten der Depression

Brasilien steckt in einer Krise. Politisch und wirtschaftlich. Kommt dennoch bald Olympia-Stimmung auf? Der Fackellauf ist zu einer Art Test geworden.

Von Heiner Gerhardts

3. Mai 2016: Die olympische Fackel beginnt ihren Zug quer durch Brasilien, soll in 94 Tagen einen Subkontinent in Olympiafieber versetzen. Doch das Volk, das im Oktober 2009 bei der Wahl Rio de Janeiros als Gastgeber der Spiele der XXXI. Olympiade Dynamik und Zuversicht besaß, sein ewiges Versprechen als Land der Zukunft endlich einzulösen, steckt in tiefer Depression.

Die Sommerspiele werden nicht nur vom Zikavirus und der Schweinegrippe auf dem medialen Radar verdrängt. Die Brasilianer haben die Nase voll. Von Staatspräsidentin Dilma Rousseff und ihrer Arbeiterpartei PT, die das Schiff vom Wohlstandskurs abdriften ließen. Aber auch vom Rest der politischen Elite, die korrupt, macht- und postengierig den patriotischen Schulterschluss für jedweden Ausweg aus der Krise verbaut.

Die Unternehmen, ebenfalls im Epizentrum des gigantischen Korruptionsskandals „Lava Jato“ (Autowaschanlage) mit zuvor undenkbaren Verhaftungen und Verurteilungen in Führungsetagen, verkaufen kaum, produzieren ergo weniger, entlassen folglich mehr. Die Abwärtsspirale hat aus der politischen und wirtschaftlichen Krise längst eine soziale gemacht. Weil die Inflation galoppiert, alles teuer macht, für viele den erst jüngst errungenen Basis-Wohlstand wieder gefährdet.

Dass die olympischen Arenen fast alle fertig sind, dass die Testevents abgesehen vom Problemfall Velodrom und den üblichen Mängeln vielversprechend ablaufen, interessiert bei dieser explosiven Gemengelage keinen. Die Enttäuschten gehen wieder auf die Straße, der Gigant erwacht. Die Stafette der Fackel ist daher auch ein emotionaler Test für Olympia.

15.05.2016






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