Kolumne „Hardt und herzlich“
Ex-Nationalspieler Per Mertesacker (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

Ehrlicher Einblick überfordert etliche TV-Experten

Per Mertesacker hat ein bemerkenswertes Interview gegeben. Er erhielt Lob und Zuspruch wegen seiner Aufrichtigkeit hinsichtlich der Belastungen im Profifußball. Doch einige der Fernsehdampfplauderer sind leider wieder einmal neben der Spur.

Von Andreas Hardt

Kürzlich habe ich mir die deutsche Mannschaft beim Finale der Fußball-WM 2014 noch einmal angesehen. Ich glaube, um zu überprüfen, ob ich die genau so auswendig dahersagen kann wie die von 1954 und 1974.
 
Wie komme ich darauf? Weil Per Mertesacker – eingewechselt im Finale – neulich im Spiegel erzählt hat, wie dreckig es einem so gehen kann im Profifußball. Wie ihm der Spaß am Spiel abhanden gekommen ist. Wie man immer funktionieren muss. Ein bemerkenswerter Einblick eines außergewöhnlichen Spielers. Er hat viel Lob dafür bekommen. Und viel Unverständnis.
 
Denn da saßen sie auch wieder in den Talkrunden, die so genannten „Experten“. Die Riege der Alt-Internationalen, der ehemaligen Trainer und ausgedienten Manager. Die immer gleichen Figuren, die zu jedem Thema alles besser wissen. Die angeblich „das Herz auf der Zunge“ tragen und sich „nicht verbiegen“ lassen. Die ihr Image als „Typen“ pflegen – ich habe geraucht, gehurt und trotzdem die Ecke direkt reingeschossen.

Immer wieder werden sie gefragt, dürfen Schlagzeilen machen. Ausgerechnet die kritisieren Mertesacker. Wer den Druck nicht aushalte, der müsse ja nicht spielen. Geht’s noch? Per Mertesacker ist echt ein Typ. Ein Großer. Nicht nur wegen seiner 1,98 Meter und des Eistonnen-Interviews. Sondern auch weil er den Mut hatte, uns allen einen ehrlichen Einblick in die Belastungen des Profijobs zu geben. Weil er kein Lautsprecher ist.
 
Übrigens: Genau das gilt für alle aus der Startelf 2014. Alle „langweilig“, reflektiert. „Angepasst“ rufen die „Typen“ in den Talkshows. Keiner der Weltmeister – außer „Boss“ Boateng – hatte übrigens ein auffälliges Tattoo vom Fingerknöchel bis zum Hals. Aber das ist sicher nur Zufall – oder?

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe April/Mai 2018 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS erhalten das Heft automatisch per Post und können sich es zudem als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

26.04.2018






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