Kolumne „Ansichtssache“
Rüstiger Oldie (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

Der abkippende alte Mann

Fußballsprache – einfache Sprache? Das war einmal. Inzwischen gibt es eine Vielzahl an Fachbegriffen, die einen staunen lässt.

Von Wolfgang Uhrig

„Thomas Müller“, so erklärte der Reporter vom Fernsehen beim Pokalspiel der Bayern in Rödinghausen, „ist heute ein Achteinhalber.“ Aha, was Neues im Mittelfeld – Position mit Bruchstelle: Achteinhalber.  

Die Sprache im Fußball. Früher war sie volkstümlich, sie verschaffte jedermann Zugang. Hemdsärmelig, aber ehrlich; ohne Prätention, aber voller Einfallsreichtum; vorwitzig, aber zutreffend. Mit dem Tormann, der wie eine Bahnschranke fiel, dem Abwehrspieler als Mähmaschine, dem Scharfrichter mit der Blutgrätsche, dem Mann, der ein Bein stehen ließ, dem Stürmer, der in der Luft hing (Müller-Foto: firo sportphoto/Augenklick).

Jeder verstand, was mit Vorstopper gemeint war, dem Turm in der Schlacht, Bananenflanken, hoch hängenden Trauben – die Sprache als Bild. Na gut, auf der Wiese müssen noch immer Säcke zugemacht werden, bevor die Messe gelesen ist.

Box-to-Box-Spieler, Backup und inversiver Außen

Aber nur kicker-Abonnenten mögen verstehen, wenn es heißt „gegen den Ball spielen“ statt mit ihm. Dass man sich „den zweiten Ball holen“ muss, obwohl noch immer nur einer auf dem Platz ist (gemeint ist im Spielzug der zweite Ball). Da ist die Rede vom Rebound, dem Box-to-Box-Spieler, Backup, hochstehenden Verteidiger, inversiven Außen, abkippenden Zehner, diametralen Sechser, falschen Neuner. Und jetzt dem Achteinhalber.

Die einen sprechen so, die anderen schreiben so. Wie etwa die Analyse zu Mario Götze bei einem Länderspiel gegen Italien in der doch so sehr geschätzten Süddeutschen Zeitung: „Bekam es als sogenannter falscher Neuner schon nach 40 Sekunden mit einem echten Vierer zu tun: Innenverteidiger Bonucci rempelte ihn um. Spielte daraufhin eine Weile eine sehr falsche Neun: Trieb sich überall rum, nur nicht im Sturmzentrum. Später dann mal eine unsichtbare Acht, mal eine schemenhaft erkennbare Sieben – und wenn es ausnahmsweise mal mit Tempo Richtung Italien-Tor ging, oft eine zu verspielte Zehn.“

Diese neue Sprache und ich – ein abkippender alter Mann.

Die Kolumne „Ansichtssache“ schreibt Wolfgang Uhrig für den Verein Münchner Sportjournalisten. Wir danken den VMS-Kollegen für die großzügige Überlassung des Textes.

04.12.2018






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