Kolumne „Hardt und herzlich“
Katarina Witt (Foto: GES-Sportfoto/Alexander Scheuber/augenklick)

Und plötzlich weint die Expertin

Die Olympischen Spiele in Peking waren auch eine Leistungsschau der zahlreichen Experten. Besonders angetan hat es sportjournalist-Kolumnist Andreas Hardt dabei eine Frau, mit der ihn bislang nur wenig verband.

Ich gestehe: Katarina Witt war mir immer ein wenig fern. Vor allem natürlich, weil Eiskunstlauf nun wirklich nicht auf der Liste meiner Lieblingssportarten steht. Aber auch sonst – schwierig. Da war immer so etwas Unnatürliches, leicht überdreht, eher laut als  leise. Also dann, wenn man Katarina Witt mal wieder im Fernsehen sah. Bei Quizsendungen oder Talkshows. Ich schaltete dann weg.

Und plötzlich weint sie als Expertin im ARD-Studio, ist empathisch und empört, regt sich auf, wie mit der 15 Jahre jungen Russin  Kamila Walijewa umgegangen wurde. Vor allem von der eiskalten Trainerin, aber auch Familie und Funktionären, die das Kind zur Kür aufs Eis ließen. Katarina Witt war ehrlich entsetzt: „Sie ist zerbrochen. Man hätte sie schützen müssen.“ Witt lieferte damit einen der stärksten TV-Momente der vergangenen Olympischen Winterspiele.

Und ja – für diese Augenblicke ist es doch gut, Experten im Studio zu haben. Es gibt inzwischen gefühlt keine Sportübertragung mehr ohne Experten und Expertinnen. Sie frieren an der Biathlonstrecke, analysieren die Abfahrt, den Skisprung, den Sprungwurf, den Ballwechsel. Wir kennen sie noch als Aktive, und jetzt sollen sie ihr Insiderwissen an uns weiter geben (Hardt-Foto: privat).

„Experten sind auf der Grundlage fachlichen Wissens und Könnens imstande, Aufgaben und Probleme zielorientiert, sachgerecht, methodengeleitet und selbständig zu lösen und das Ergebnis zu beurteilen“, definiert Wikipedia. Mit Verlaub: Ich habe Zweifel. Nicht überall wo Experte drauf steht, ist auch Experte drin. Dann wird es anstrengend, gerade für uns Zuseher: „4:4 im dritten Satz, es ist ganz eng“.

Aber seien wir nicht ungerecht. Der Job ist nicht immer einfach. Ex-Biathlet Arndt Peiffer erzählte vom Begrüßungsritual im ARD-Team – stinkenden schwedischen Surströmming musste er essen. Na Mahlzeit. Zum Glück hat er den vergorenen Hering runterbekommen, denn Peiffer war einer der unterhaltsamen Klartextredner, ebenso wie Felix Neureuther, an dem ja ein Showman verloren gegangen ist.

Und weil wir in diesen 17 Tagen Olympia nun das geballte Expertentum in „bunten“ Sportarten erleben durften, fiel auch die Diskrepanz zu unserer Sportart Nummer eins besonders auf. Nichts gegen „Schweini“, „Loddar“ und „Tusche“ persönlich, aber ich liebe jetzt Katarina Witt. Und all die anderen Wintersport-Experten.

Andreas Hardt arbeitet nach über 20 Jahren als Redakteur bei SID und dapd nun als freier Journalist in Hamburg. Er schreibt die Kolumne „Hardt und herzlich“ monatlich für den sportjournalist-Newsletter des Verbandes Deutscher Sportjournalisten. Mitglieder des VDS erhalten diesen automatisch per E-Mail. Ältere Ausgaben des sportjournalist-Magazins können im Mitgliederbereich kostenlos als PDF heruntergeladen werden.

05.03.2022






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