Kolumne „Einwurf“

Tipp das ein!

Computer sind praktisch, Smartphones auch. Aber wenn der Einsatz dieser technischen Hilfsmittel dazu führt, dass die Schreibschrift ausstirbt, dann ist dies eine bemerkenswerte Entwicklung.

Von Wolfgang Uhrig

„Mit der Hand“, so der Hinweis des früheren Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück im Spiegel zum Schreiben seiner Memoiren. „Ich mag das. Und es wissen ja nur wenige, dass mein ursprünglicher Berufswunsch einmal Journalist war.“

„Mit der Hand“ – wie auch der Romanschreiber Wolf Wondratschek. „Was so auf einem Stück Papier verewigt wird“, sagte er einmal in einem Porträt in der Süddeutschen Zeitung, „löscht man nicht so leicht wie am Rechner, wo durch eine Berührung ganze Artikel verschwinden. Deshalb überlegt man länger, bevor es mit einem Werkzeug niedergeschrieben wird.“

Dieser Satz erinnert mich an meine Zeit unter Will Tremper. Vor ihm, als Chefredakteur bei Bunte, musste immer ein Bündel Bleistifte stehen, in einem Becher, griffbereit und mit ganz feinen Spitzen nach oben. Tremper hatte nichts am Hut mit mechanischem Schreibgerät, das überließ er dann zur Reinschrift einer Sekretärin.

Ein aktuelles Thema – weil in Finnland ab 2016 an Grundschulen das Erlernen der Schreibschrift nicht mehr Pflicht ist. „Spinnen die Finnen?“, überschrieb deshalb die Welt am Sonntag einen Bericht. Erstklässler werden in Finnland zwar weiter mit der Hand schreiben, aber nicht in zusammenhängenden Buchstaben. Die Kleinen betätigen stattdessen einen Automaten, der Buchstaben ausspuckt.

In England ignoriert jeder Dritte das Schreiben mit der Hand. „In der Schweiz wankt die Schnürli-Schrift dem Aussterben entgegen“, klagt die Zeitschrift Deutsche Sprachwelt. Und bei uns arbeiten laut Bild-Zeitung schon „85 Prozent aller Firmen mit einem Rechner, zu Hause haben 79 Prozent einen Computer.“

„Schreib das auf!“, predigte einst Egon Erwin Kisch. Heute könnte die Reporter-Legende sagen: „Tipp das ein!“ – als Zeichen einer neuen, stiftlosen Kultur der Generation SMS.


08.10.2015






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