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Spieltrieb und Prahlerei

Big Data sind derzeit das ganz große Ding. Auch im Sport wird massiv gerechnet. Darunter sind immer häufiger Verletzungen. Zuweilen tut die Datenhuberei arg weh.

Von Clemens Gerlach

Die US-amerikanischen Sportfans sind echte Statistikfreaks. Ob Baseball (MLB), Basketball (NBA), Eishockey (NHL) oder Football (NFL) – es werden Daten erhoben auf Teufel komm raus. Mitunter nimmt das Ganze aus deutscher Sicht manische Züge an. Doch inzwischen holen wir auf.

Wobei natürlich die Frage unbeantwortet bleibt, was die Zahlen wirklich aussagen. Vieles ist dann doch eher Spielerei. Oder pure Prahlerei, weil es nur darum geht zu zeigen, was statistisch alles möglich ist.

Die Unternehmen, die die Daten sammeln, sehen das natürlich ganz anders und verweisen auf die mathematischen Modelle, die den Analysen zugrunde liegen. Alles ganz wissenschaftlich, alles fundiert. Wenn es so einfach wäre, dann könnte man alles ausrechnen.

Zu den Daten, die neuerdings gerne neben Toren, Ecken, Fouls und Passgenauigkeit ermittelt werden, gehören Verletzungen. Klingt ein wenig nach Sadismus, ist aber tatsächlich sinnvoll (zumindest so sinnvoll wie das Erheben von Jokertoren der Spieler, die als Kind einen Hamster als Haustier hatten oder häufiger umgezogen sind, als das Jahr Monate hat).

Die Seite Fußballverletzungen dekliniert das deutsche Profikicken durch, jenseits des Atlantiks kümmert sich In street clothes um den US-Basketball. Auch wenn sich die beiden Macher der Sites – Fabian Siegel und Jeff Stotts – nicht kennen werden, eint sie einiges: Sie machen ihren Job aus Spaß an der Freud und gehen seriös vor.

Angenehmerweise halten sich die beiden an die Fakten und fangen nicht gleich an, wilde Schlagzeilen rauszuhauen, nur weil gleichzeitig mal zwei oder drei Superstars oder Nationalspieler ausfallen. Auf dem Boulevard ist in solchen Fällen gerne von einer „Verletztenseuche“ die Rede, die die „halbe Liga“ hinwegrafft, gerne unterlegt mit Fragen wie dieser: „Muss Jogi bald selbst spielen?“

Die genauen Ergebnisse der Verletzungsanalysen sollen hier keine Rolle spielen. Zum einen wären im Moment der Veröffentlichung viele Daten ohnehin schon überholt. Zum anderen sollen Sie, liebe Leserinnen und liebe Leser, auch noch einen Grund haben, sich die Sites einmal anzugucken. Ich senke nämlich, statistisch gesehen, die Wahrscheinlichkeit Ihres Besuchs auf den Seiten signifikant, wenn ich zu viel verrate.

Um wie viel Prozent Ihr Interesse nachlässt, kann ich leider nicht sagen. Ich will darüber auch nicht spekulieren. Eines würde mich aber schon reizen. Was wohl in puncto Resonanz passieren würde, wenn es eine Art Injury-Charts à la BuzzFeed geben würde.

Das klänge dann so: „Die zehn am häufigsten verletzten Bundesligaprofis – bei Nummer acht denken bestimmt alle, dass das ein Rechenfehler ist.“ Oder: „Die meisten Ausfälle in der Karriere – ein Spieler hat mehr Verletzungen als Einsätze.“

Wir beim VDS sind allerdings keine Klickschinder. Darum lehnen wir solche extremen Cliffhanger-Methoden ab. Darauf können Sie sich verlassen. Zu 100 Prozent.


30.11.2015






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