Nachruf auf Günter „Micky“ Weise
VDS-Ehrenpräsident Günter „Micky“ Weise: 31. Dezember 1926 bis 24. März 2016 (Foto: JouLux)

Seine Weitsicht wird uns fehlen

Er war eine Institution im deutschen Sportjournalismus und stand dem VDS viele Jahre vor. Nun ist der VDS-Ehrenpräsident Günter „Micky“ Weise wenige Wochen nach seinem 90. Geburtstag gestorben.

Von Hans Jürgen Wille

Eigentlich wollte er zu Ostern das Krankenhaus wieder verlassen, um die anstehenden Feiertage in seinem Zuhause nahe des Berliner Flughafens Tegel zu verbringen. Doch dazu kam es leider nicht mehr. Günter Weise, Ehrenpräsident des Verbandes Deutscher Sportjournalisten und Grandseigneur der Berliner Sportjournalisten, verstarb am Gründonnerstag, nur wenige Wochen nach seinem 90. Geburtstag.
 
Weil dieser, sein Ehrentag, auf den 31. Dezember fiel, lud er seine Freunde und ehemaligen Kollegen lieber etwas später zu einem Brunch am 10. Januar in das Sportzentrum Siemensstadt ein, musste aber diesen Termin in einer Kurzmitteilung schweren Herzens absagen, weil es ihm gesundheitlich schlechter erging. Da befürchtete bereits so manch einer, dass dieser Brief wohl Günter Weises letzter gewesen sei (alle Fotos im Text: Regina Hoffmann-Schon).
 
Ganz sicherlich hätte er sich am Karfreitag im Fernsehen die RTL-Sendung „Duell der Brüder – Die Geschichte von Adidas und Puma“ angeschaut, denn der Sport und alles, was damit zusammenhängt, hat ihn brennend interessiert und nicht selten zu tief schürfenden Kommentaren und Analysen veranlasst, die er früher als Ressortleiter für den Berliner Kurier (1946 bis 1966), später die Berliner Morgenpost (1967 bis 1979) und zuletzt als freier Mitarbeiter für die Berliner Fußball-Woche schrieb. Kurz vor Weihnachten hatte er für einen Artikel über die so sehr herbeigesehnte Pause der Bundesliga-Kicker die Überschrift „Leise kommt die Müdigkeit“ gewählt. Fast möchte man meinen, dass er damit sich selbst meinte.
 
Ungestüm, forsch, draufgängerhaft oder gar rücksichtslos, das sind Attribute, die auf ihn nie zugetroffen haben. Der beliebte Urberliner zeichnete sich mehr durch Bedächtigkeit und überlegtes Handeln aus. Erst Nachdenken statt Schnellschuss-Entscheidungen zu treffen, so lautete seine Devise, wobei er niemals laut wurde oder gar aus der Haut fuhr.
 
Er war ein stets ein Teamplayer, ein Mittler, der Kompromisse suchte und die Ansicht anderer akzeptierte. So habe ich ihn 14 Jahre lang kennen und schätzen gelernt, von 1967 bis 1981, als wir Schreibtisch an Schreibtisch saßen und so manche Großereignisse, schlechte wie schöne, erlebten, unter anderem die Olympischen Sommerspiele in München mit dem Übergriff auf die Israelis oder den Gewinn der Fußball-WM.
 
Stets war er hellwach, den politischen wie sportlichen Dingen aufgeschlossen – bis zuletzt, als ich ihn kurz vor Weihnachten in seiner Wohnung besuchte. Schon da bereiteten ihm die Augen arge Probleme, weshalb er schweren Herzens auch sein Auto abgeschafft hatte. Das Aufstehen aus dem Sessel fiel ihm äußerst schwer und die Füße wollen ebenfalls nicht mehr so wie einst, als er noch im hohen Seniorenalter das Tennisracket schwang. Zu den Spielen von Hertha BSC, die er immer noch gern besuchte und kritisch begleitete, ließ sich deshalb von Freunden abholen oder er nahm das Taxi.

Schon immer leidenschaftlicher Fußballfan, später passionierter Tennisspieler
 
„Micky“, wie er von seinen Freunden genannt wurde, galt als leidenschaftlicher Fußballfan, der in seiner Kindheit selbst dem runden Leder nachjagte, zuerst bei Union Oberschöneweide, dann in Baumschulenweg und zuletzt bei Grün-Weiß Neukölln. Weil sich aber Beruf und Hobby auf die Dauer nicht vereinbaren ließen, das heißt, am Sonntagnachmittag zu kicken statt in der Redaktion oder draußen als Berichterstatter tätig zu sein, hörte er mit dem Fußball auf. Er widmete sich fortan dem wesentlich kleineren Ball, dem Tennis, wo er Mitbegründer und schließlich zehn Jahre lang Vorsitzender des TC Westend 59 war und bis ins hohe Alter spielte.
 
Seine journalistischen Anfänge lassen sich auf das Jahr 1946 datieren. „Der Kurier“ hieß jene Zeitung, die damals in Berlin am späten Nachmittag erschien, was für ihn allerdings ein wenig geschätztes frühes Aufstehen bedeutete, weil um sechs Uhr die Redaktionsarbeit begann. Eine große Umstellung im Tagesrhythmus bedeutete dann der Wechsel 1967 zur Berliner Morgenpost, wo bis in den späten Abendstunden hinein geackert werden musste.
 
1977 wurde er zum Präsidenten des Verbandes Deutsche Sportpresse (seit 1983 Verband Deutscher Sportjournalisten; die Red.) berufen, zu einer Fachorganisation, die im Bundesgebiet beheimatet war. Als Westberliner an der Spitze solch einer Gemeinschaft zu stehen, bedeutete zu Zeiten des Kalten Krieges schon etwas Ungewöhnliches, denn die DDR sprach ja gern von der extra-politischen Einheit Westberlins.
 
In einem Rückblick liest sich das so: „Als ich eines Tages meinen Verleger Axel Springer ansprach und ihn fragte, ob sich das VDS-Amt mit meiner Tätigkeit bei der Morgenpost vereinbaren ließe, antwortete er spontan, aber selbstverständlich, als Berliner darf man solch einen Posten nicht ablehnen. Das bedeutet zudem auch eine Ehre für unser Haus.“
 
Ganz einfach war es für ihn nicht, die drei verschiedenen Gruppierungen unter einen Hut zu bringen, die schreibende und sprechende Zunft sowie die der Fernsehkollegen. Da gab es schon manchmal harte Auseinandersetzungen, aber nie ernsthaften Streit, betonte der Vater zweier erwachsener Töchter. Stets gelang es ihm, die Gemüter zu beruhigen, Vernunft walten zu lassen und eine Lösung zu finden, mit der alle leben konnten.
 
Von der Fähigkeit zum Ausgleich profitierte der Verband Deutscher Sportjournalisten auch nach dem Ende von Günter Weises Amtszeit als Präsident 1987. „Dem derzeitigen Präsidium stand er stets mit Rat und Tat zur Seite. Immer unaufdringlich, nicht besserwisserisch, sondern hilfsbereit und ein Mann der klaren Worte. Ich habe Günter Weise stets geschätzt und bin sehr traurig“, sagte Erich Laaser, der dem VDS seit 1999 vorsteht.
 
„Mickys“ Weitsicht werden wir in Zukunft nun vermissen. Dieser Günter Weise war, nomen est omen, in der Tat weise. Er hinterlässt eine trauernde Familie.

26.03.2016






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