Herausforderung Rio
Übergabe der Olympische Fahne an den Oberbürgermeister von Rio de Janeiro (l.) 2012 in London (Foto: Fotoagentur Kunz/Augenklick)

Wie sich die Zeitungen für die Sommerspiele rüsten

Für die Zeitungsredaktionen sind die Olympischen Sommerspiele eine große Herausforderung. Die Zeitverschiebung macht eine besondere Planung nötig. Der sportjournalist hat sich bei den Printkollegen umgehört.

Von Elisabeth Schlammerl

Die Fußball-WM vor zwei Jahren in Brasilien war höchstens ein kleiner Vorgeschmack auf das, was die deutschen Zeitungsredaktionen in diesem Sommer bei Olympia erwartet: Während 2014 die Spiele mit Rücksicht auf den europäischen Markt früh angepfiffen wurden, die letzten Partien deshalb mit wenigen Ausnahmen nach deutscher Zeit um spätestens Mitternacht zu Ende waren, geht es in Rio um diese Zeit gerade richtig los.

Rund 70 Prozent der Entscheidungen fallen nach 22 Uhr Ortszeit. Der prestigeträchtige 100-Meter-Lauf findet am brasilianischen Abend statt, in Deutschland ist es dann um kurz vor halb vier Uhr morgens. Wenn darüber in der Zeitung berichtet werden kann, liegt das Ereignis schon mehr als einen Tag zurück – die Bilder des Siegers sind dann bereits viele Stunden über die Bildschirme geflattert.

„Wir müssen so gut vorbereitet sein, dass man für die Printausgabe am übernächsten Tag etwas Besonderes hat“, sagt Thomas Sulzer, Rio-Koordinator der Bild (Foto: bild.tv). In der Printausgabe müsse „die Geschichte hinter der Geschichte“ stehen. Die Reporter treffen deshalb die deutschen Stars und Medaillenfavoriten wie Robert Harting oder Paul Biedermann bereits in den Wochen vor den Spielen, um Hintergründiges zu erfahren. „Man muss dann allerdings auch den Mut haben, Interviews aufzuheben“, sagt Sulzer.

Für Anno Hecker ist eine gute Vorbereitung vor allem bei diesen Spielen unerlässlich. „Anders kann es zu einem Chaos führen“, meint der Sportchef der FAZ. Printausgaben seien aufgrund der Zeitverschiebung von fünf Stunden zu einem Strategie-Wechsel gezwungen. „Wir schreiben in der Zeitung zum Beispiel auf den 100-Meter-Lauf hin. Die aktuelle Berichterstattung verlagert sich ins Netz.“

Die Kollegen müssen also nicht nur noch am brasilianischen Abend einen Text fürs Internet abliefern, sondern am frühen Morgen für die Printausgabe eine weitergedrehte Geschichte anbieten. Denn, so Hecker, „ich glaube nicht, dass das Interesse an wirklich relevanten Geschichten nachlässt am übernächsten Tag.“ Entscheidend für eine gute Zeitung sei während der 16 Tage zudem „die Kompetenz und Aufmerksamkeit der Heimredaktion, die steuern und bei Bedarf eingreifen muss“ (Hecker-Foto: FAZ / Wolfgang Eilmes).

René Hofmann von der SZ sieht für die Berichterstattung keine so großen Unterschiede. Seit es eine digitale Sportausgabe am Sonntag gibt, werde bei den Samstagsspielen der Bundesliga zum Beispiel die Nachgeschichte noch weiter entfernt vom Ereignis angelegt. „Das ist ein gutes Training für die Olympia-Berichterstattung“, sagt der stellvertretende Redaktionsleiter.

Wie in London vor vier Jahren wird die Süddeutsche wichtige Ereignisse in Rio mit zwei Leuten besetzen – „und vielleicht mit ein oder zwei Kollegen, die daheim vor dem Fernseher sitzen“. Die Online-Redaktion wird 24 Stunden besetzt sein. Eine Herausforderung ist der Dienstplan in den Olympia-Tagen – und alleine mit dem Personal der beiden Sportredaktionen (Print und Digital) gar nicht zu stemmen. „Da bekommen wir Unterstützung von anderen Ressorts“, sagt Hofmann. 

Mit „hintergründigen, analytischen Geschichten sowie Exklusiv-Interviews der Superstars für Print“, versuchen die vier Kollegen des RedaktionsNetzwerk Deutschland der Madsack-Gruppe zu punkten, sagt Sportchef Mario Fenske, während es in den Onlineportalen und Digitalangeboten „die brandaktuellen News“ gebe. Zudem sei ein nächtlicher Newsletter in Planung, „in dem die Brasilien-Reporter unseren Lesern immer früh morgens aus erster Hand von den wichtigsten Entscheidungen der Nacht berichten“. Während der Spiele wird das zentrale Sportdesk in Hannover von Kollegen aus Leipzig, Potsdam, Kiel, Rostock, Lübeck und Wolfsburg verstärkt.

Obwohl die Anforderungen vor Ort steigen, schicken die großen Zeitungen nicht mehr Reporter nach Rio. „Die Doppelbelastung ist problematisch“, gibt Hecker (FAZ) zu. „Allein Olympia ist ein Riesenstress. Jetzt müssen die Kollegen vor Ort auch noch einen zweiten Job leisten.“ Bei Bild sind es gleich drei Aufgaben: Die Reporter müssen neben Texten für Netz und Print auch Live-Videos für Facebook produzieren. „Trotzdem“, findet Sulzer, „ist es ein Privileg für einen Journalisten, zu Olympischen Spielen fahren zu dürfen.“

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Juli 2016 des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

26.07.2016






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