TV-Experten-Report – Teil III
ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein plus die Experten Sebastian Kehl (Mitte) und Holger Stanislawski (Foto: firo Sportphoto/Augenklick)

Bloß kein zu hohes Niveau

Die „Experten“ regieren den Bildschirm. Damit sie beim Publikum gut ankommen, dürfen die Ausführungen nicht zu kompliziert geraten. Das gilt nicht nur für den Fußball.

Von Frank Schneller

Im ersten Teil des dreiteiligen Reports über TV-Experten ging es um den fast schon inflationären Einsatz der prominenten Ex-Sportler bei der Fußball-EM in Frankreich. Der zweite Teil widmete sich der Frage, warum die Programmverantwortlichen so stark auf die „Experten“ setzen.

Wie die Performance letztlich gelingt, hat neben sprachlichem Geschick auch mit Gespür zu tun. „Man sollte nicht so staatstragend rüberkommen und sich nicht scheuen, auch Kritik zu äußern. Man darf Namen nennen, wenn einer falsch läuft oder steht oder einwechselt, und zwar locker, ohne ihn komplett anzuschwärzen. Ein lockerer Spruch darf auch mal sein. Wer als Experte nirgendwo anecken will, macht etwas falsch“, urteilt der für das ZDF tätige Holger Stanislawski.
 
Stefan Schnoor, für Sport1 im Einsatz, sagt, von ihm erwarte man klare Kante. Und er liefere: „Würde man mir Vorgaben aufzwingen, würde ich den Job nicht mehr machen. Fußball ist ein einfaches Spiel. Es wird viel zu verwissenschaftlicht und verkompliziert. Doppelsechs, falsche Neun, flache Vier ... ich breche das lieber auf ein Niveau herunter, mit dem die TV-Zuschauer auch ohne Trainerlizenz etwas anfangen können“, so Schnoor (Foto: firo Sportphoto/Augenklick).
 
Und abseits des Fußballs, der Folklore? Da wird’s komplizierter. Heiner Brand, nach wie vor Deutschlands berühmtestes Handballgesicht, bewegt auch nach zwei Jahren als Sky-Experte vor jedem Champions-League-Spiel die Frage, wie viel Expertise, „wie viel spezifische Information verträglich ist, schließlich besteht unser Publikum zwar überwiegend aus ohnehin handball-affinen Zuschauern, aber wir wollen ja auch neue Interessenten gewinnen. Und die darf man nicht überfordern, während Insider sich womöglich mehr Know-how wünschen und sich unterfordert fühlen.“
 
Den neuen oder Gelegenheitszuschauer im Blick haben

Im Eishockey, Basketball und in den Wintersportarten verhält es sich ebenso. Ein schmaler Grat sei das, sagt Brand. Sky blendet bei den Handball-Übertragungen auch einen Schiedsrichter ein, der situativ versucht, das Regelwerk zu entzerren. „Das ist eine gute Idee“, so Brand, „aber das muss man erst einmal so hinbekommen, dass der neue oder Gelegenheitszuschauer es versteht und der Insider vorm Bildschirm gleichzeitig nicht die Augen rollt.“
 
Kritik müssen die Experten abkönnen. Sie stellen sich eben auf eine Bühne. Ins Schaufenster. Die Inszenierung, die PR funktioniert schließlich auch in eigener Sache, wie die bisweilen stattlichen Honorare belegen. Wer sich als TV-Experte im Gespräch hält, tut was für den Marktwert. Und das ist gut fürs – übrige – Geschäft.
 
Der frühere Kulttrainer Stanislawski zum Beispiel ist hauptberuflich Mitinhaber eines Supermarkts in Hamburg. Für seinen erhöhten EM-Einsatz hat er auf Urlaub verzichtet. „Es ist ja durchaus positiv für den Laden, wenn man meinen alten Wirsing im Fernsehen sieht.“

Dieser Artikel stammt aus der August-Ausgabe des sportjournalist, die direkt beim Meyer & Meyer Verlag bestellt werden kann. Mitglieder des VDS können sich das Heft als PDF im Mitgliederbereich kostenlos herunterladen.

19.09.2016






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