Kommentar zur Fußball-WM in Russland
FIFA-Boss Gianni Infantino (l.) und Russlands Staatspräsident Wladimir Putin (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

Auch die politische Seite des Gastgeberlandes beleuchten

Bald beginnt die Fußball-WM in Russland. Selbstverständlich soll jeder die sportlichen Darbietungen genießen können. Aufgabe der Medien und Funktionäre ist es aber auch, auf die politischen Missstände im Putin-Reich hinzuweisen.

Von Erich Laaser (VDS-Präsident)

Darf und soll man als Sportjournalist die politische Seite einer Fußball-Weltmeisterschaft beleuchten? Wir sind uns einig: Eine WM ist eine hochpolitische Veranstaltung, analog zu Olympischen Spielen und anderen Großereignissen. Vor 40 Jahren schaute die Welt auf Argentinien, das von einer Militärjunta regiert wurde, wo Menschen gefoltert wurden und viele einfach verschwanden. Vor zehn Jahren stand Peking im Blickpunkt, die Stichworte dazu waren: Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Zwangsumsiedlungen, um nur einige zu nennen. Von daher ist die Eingangsfrage beantwortet: Natürlich muss man als Sportjournalist auch die politische Seite eines Gastgeberlandes beleuchten.

Nun also Russland! Nach unseren Maßstäben sicher kein Land, in dem Demokratie und Meinungsfreiheit herrschen, das Wort „Pressefreiheit“ gilt dort eher als Fremdwort. Die Annexion der Krim, der Konflikt in der Ostukraine oder Russlands Engagement in Syrien – all das sind Dinge, die den Blick auf den so gerne beschworenen friedlichen Wettstreit bei einem sportlichen Ereignis verdunkeln (Laaser-Foto: GES-Sportfoto/Augenklick). Dazu kommen die Querelen um die Einreise des Kollegen Hajo Seppelt, der unter anderem das staatlich gelenkte Doping während der Winterspiele im russischen Sotschi aufgedeckt hatte. Nein, die Fußball-WM in Russland darf man sicher nicht als reine Sportveranstaltung betrachten.

Es gab und gibt viel zu lesen, zu hören und zu sehen im Vorfeld dieser WM. Viele brisante Themen wurden und werden angesprochen, sogar das Wort „Boykott“ hing irgendwann im Raum. Wobei man sich fragen darf, wann hat jemals ein Boykott irgendetwas erreicht? Ganz abgesehen von den Sportlern, die sich jahrelang auf diesen Höhepunkt ihrer Karriere vorbereitet haben und die in erster Linie Leidtragende eines Boykotts wären. Dazu wird es sicher nicht kommen.

Was kann man von den Fußballern, Trainern und Funktionären zur  politischen Seite dieser WM an Äußerungen erwarten? Bei einer Diskussion in Berlin hat Kultkicker Hans Sarpei Mitte Mai deutlich seine Meinung dazu gesagt. Sinngemäß formulierte Sarpei, dass die Spieler dorthin fahren, um Fußball zu spielen, dass sie total darauf fokussiert sein müssen und man keine politischen Äußerungen oder gar Gesten erwarten sollte. Damit hat Sarpei recht.

Die Funktionäre allerdings sollten ihre Anwesenheit in Russland nutzen, um dort Dinge anzusprechen, die dann ein ungleich höheres Gewicht bekommen, als wenn sie aus der Distanz geäußert werden, beispielsweise zur Meinungsfreiheit oder Homophobie.

Auch die Sportjournalistinnen und Sportjournalisten sollten den Besuch der WM nutzen, um über den Tellerrand des grünen Rasens hinaus ihre Beobachtungen mitzuteilen. Schließlich ist es die Aufgabe des Journalisten, Fakten zu sammeln, zu sortieren und einzuordnen, um so zur Meinungsbildung beizutragen.

Und wie wird die deutsche Öffentlichkeit reagieren? Spätestens mit dem Eröffnungsspiel der WM tritt der Fußball absolut in den Vordergrund. Dann wollen die Menschen nichts mehr über Putin, Pressefreiheit oder politische Konflikte lesen, sehen oder hören. Brot und Spiele während der WM, das ist dann den meisten wichtig.

Aber natürlich hat solch eine Veranstaltung auch Ereignisse zu bieten, die nicht direkt Fußball beinhalten. Da treffen sich Fans verschiedener Länder in Russland. Es wird hoffentlich wenig Randale in den Stadien geben. Ereignisse wie bei der vorigen EM in Frankreich, als russische und englische Krawallmacher aneinander gerieten, werden sich hoffentlich nicht wiederholen (Foto Deutsche Fans: firo sportphoto/Augenklick).

Über allem schwebt die Sicherheit. Man darf gespannt sein, wie hart die russischen Sicherheitskräfte mit ihren Gästen umgehen werden. In jedem Fall besteht die Chance für die Berichterstatter, sich unmittelbar vor Ort ein Bild zu machen und dieses nach Deutschland zu übermitteln – per TV, Radio, Print, Online oder Foto.

Über die Fußballspiele wird sicher mehr als ausreichend berichtet werden, es sollte auch noch Platz in den Medien vorhanden sein, um über die abseits des Fußballs auftretenden Themen zu berichten. Und die nächste politische WM steht dann schon bald vor der Tür: Katar 2022.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Juni/Juli 2018 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

07.06.2018






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