Sexismus-Report – Teil I
Moderatorin Valeska Homburg in der von Männern dominierten Fußballwelt (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

„#MeToo-Debatte das Beste, was passieren konnte“

Sexismus ist auch – oder besonders – im Sportjournalismus ein drängendes, weil weit verbreitetes Problem. Die durch „#MeToo“ entstandenen Diskussionen haben allerdings für eine neue Sensibilisierung gesorgt. Und das ist auch gut so.

Von Alex Raack

Liebe männliche Leser. Versuchen Sie sich bitte einmal vorzustellen, wie es wäre, wenn die Rollen vertauscht wären. Wenn Sie als junger männlicher Sportjournalist in eine Redaktion kämen, die vorrangig oder gar komplett aus älteren Damen besteht. Wenn Sie das erste Mal eine Mixed Zone betreten würden und von 50 Journalisten fünf männlich wären. Versuchen Sie sich vorzustellen, was passieren könnte, wenn ein nicht unwesentlicher Teil dieser Frauenwelt einem männlichen Kollegen mit Vorbehalten begegnen würde. Nicht gegenüber seiner journalistischen Reife, sondern seinem Geschlecht.
 
Versuchen Sie sich weiter vorzustellen, wie das wohl sein muss, wenn Ihnen eine ältere Kollegin nach zwei Feierabendbieren den Arm um die Hüfte legt, Ihnen beiläufig in den Hintern kneift und am nächsten Tag in der Themenkonferenz so tut, als wäre nichts gewesen. Oder die Spielerberaterin, die Ihnen nach einem kritischen Artikel via Twitter den Ratschlag erteilt, doch lieber wieder den Rasen mähen zu gehen, statt über Fußball zu schreiben. „Männer haben im Fußball einfach immer noch nichts zu suchen!“

Dass sich Männer über so etwas Gedanken machen, dass sie vielleicht noch mehr als vorher daran interessiert sind, wie Frauen empfinden, wie sie auf die Sitten und Unsitten der Männerwelt reagieren, ist die Folge der „#MeToo“-Debatte. Auch, oder gerade im Sportjournalismus, war die Debatte wichtig. Kolleginnen ließen sich von der öffentlichen Auseinandersetzung ermutigen und erzählten von eigenen sexistischen Konfrontationen, Kollegen mussten – ob sie nun wollten oder nicht –, eigenes Verhalten hinterfragen oder sich für Fehler verantworten.
 
Saskia Aleythe von der Süddeutschen Zeitung sagt: „Die ‚#MeToo‘-Debatte ist das Beste, was dem Sportjournalismus passieren konnte.“ Die 32-Jährige begann ihre journalistische Laufbahn relativ ungeplant im Sport beim Hamburger Abendblatt, machte 2012 ein Praktikum bei den Kollegen der SZ und ist dort inzwischen Redaktionsmitglied. Aleythe, die 2017 den Großen Online-Preis des VDS gewann, hatte bislang nicht viele Negativerlebnisse, „aber ein paar primitive waren schon dabei“.

Der Spieleragent, der in den Medien über die Schreibkraft moserte, war Lewandowski-Berater Maik Barthel – und die Frau, der er empfahl, doch lieber in die Küche zu gehen, Saskia Aleythe (Foto: Siegfried Kerpf). „Wenn man diesen Beruf ergreift, weiß man, dass die Ellenbogen generell recht häufig eingesetzt werden, im Fußball ist das noch einmal extremer“, sagt Aleythe, die als junge Frau auch ältere Reporter erlebte, die sie mit Sprüchen wie „Bist du von einer Schülerzeitung, oder was?“ begrüßten.
 
Die Frage, ob der Sportjournalismus ein Sexismusproblem habe, beantwortet sie so: „Wenn die Gesellschaft ein Problem mit Sexismus hat, hat auch der Sportjournalismus eines. Aber durch ‚#MeToo‘ ist ein Bewusstsein dafür entstanden, in den Redaktionen reflektiert man heute dieses Thema.“

So wichtig sie die Debatte findet, so vergleichsweise nüchtern steht sie ihr gegenüber. Vermutlich auch, weil sie – glücklicherweise – wesentlich mehr positive Erfahrungen als Frau in diesem Ressort gesammelt hat als negative. Und sie erkennt im Verhalten der vorrangig jüngeren männlichen Kollegen einen – ganz sicher von „#MeToo“ unterstützten – positiven Trend.

Als Barthel seine Dummheiten verbreitete, waren es männliche Kollegen aus anderen Redaktionen, die sich darüber beschwerten und dem Spielerberater den Spiegel vors Gesicht hielten. Ein weiteres Zeichen für den Wandel erkannte Aleythe bei der Lektüre einer WM-Kolumne in der Berliner Morgenpost. Da schrieb ein Vater davon, wie sehr er bei so einem langen Turnier seine Frau und seine Kinder vermissen würde. „Früher“, sagt Aleythe, „wäre so ein Text eher nicht geschrieben worden.“

Lesen Sie im letzten Teil des zweiteiligen Sexismus-Reports, welche Erfahrungen eine Kollegin Saskia Aleythes gemacht hat und immer noch macht.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Oktober/November 2018 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

14.11.2018






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