Sexismus-Report – Teil II
Moderatorin Esther Sedlaczek in der von Männern dominierten Fußballwelt (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

„Sehr häufig nicht ernst genommen gefühlt“

Auch oder gerade im Sportjournalismus gibt es Sexismus. Doch aufgrund der durch „#MeToo“ entstandenen Diskussionen ändert sich einiges. Davon profitiert die gesamte Branche.

Von Alex Raack

Im ersten Teil des zweiteiligen Sexismus-Reports ging es um die Erfahrungen, die die SZ-Redakteurin Saskia Aleythe mit übergriffigen Männern im Sportbusiness gemacht hat.

Anne Armbrecht kennt sich bestens aus in der von Männern dominierten Fußballwelt. Ihr Vater schleppte sie schon in der Bauchtrage aufs Ernst-Abbe-Sportfeld, sorgte dafür, dass sie ihr Herz an Carl Zeiss verlor. Bereits zu Schulzeiten arbeitete sie als Mädchen für alles beim Jenenser Traditionsverein, kam erstmals mit den Medien in Kontakt. Und als sie schon einige Jahre später im Auftrag der dpa gemeinsam mit einigen älteren männlichen Kollegen mit Halle-Trainer Sven Köhler sprach, hielt der ihr bei einer besonders pikanten Antwort einfach die Ohren zu. Die Kollegen, jahrelange Wegbegleiter, lachten.

„Die erste Zeit war doch recht anstrengend“, sagt die 26-Jährige, „gerade mit männlichen Kollegen, Fußballern und Funktionären während einer klassischen Spielberichterstattung. Die Gedanken stehen den meisten Männern dick auf der Stirn geschrieben. Nach dem Motto: ‚Da kommt wieder so ein junges Fan-Girlie, um die Spieler anzuhimmeln.‘ Ich habe mich sehr häufig nicht ernst genommen gefühlt.“

„Schreiend ungerecht“ sei das jedes Mal, doch Armbrecht wirkt nicht so, als habe sie erst die „#MeToo“-Debatte gebraucht, um auf diese Ungerechtigkeiten zu reagieren (Armbrecht-Foto: privat). Wie bei einem früheren Kollegen, der damals als Pressesprecher eines Fußball-Drittligisten arbeitete, und der jüngeren Kollegin „mal hier den Arm umgelegt, mal da die Hand auf den Rücken gelegt hat“.

Als ihr der Mann trotz ihrer Tätigkeit für die dpa die Dauer-Akkreditierung habe entziehen wollen, stellte Armbrecht ihn nach einigen Diskussionen schließlich öffentlich am Rande einer Pressekonferenz zur Rede. „Am Ende meines fünfminütigen Monologs legte er mir ernsthaft den Arm auf die Schulter und sagte: ‚Ist ja gut, Mädchen. Wir finden schon eine Lösung.‘“ Auch hier solidarisierten sich einige ihrer männlichen Kollegen mit ihr: „Die schämten sich für dessen Verhalten.“
 
Und trotzdem sieht auch Armbrecht eine positive Entwicklung. Vor allem jüngere Kollegen reagierten deutlich sensibler auf tendenziöses oder sexistisches Verhalten von Journalisten, Sportlern oder Lesern. Inzwischen arbeitet sie vorrangig an Themen aus der Sportpolitik und recherchiert im Hintergrund, statt die Wochenenden auf den Pressetribünen zu verbringen. „Unabhängig vom Alter stelle ich mehr und mehr fest, dass ich dort vor allem daran bewertet werde, wie ich meine Arbeit ausübe und nicht, ob ich eine junge Frau oder ein alter Mann bin. Das tut sehr gut.“
 
Was vielen Kolleginnen noch fehlt, ist eine zuverlässige Anlaufstelle, eine Ansprechpartnerin oder ein Ansprechpartner, die/der helfen, unterstützen und Mut machen kann. Vielleicht ja in Form einer festen Institution beim VDS? „Das“, sagt Armbrecht, „wäre doch mal eine sehr gute Idee.“ Und dieser Meinung ist auch VDS-Präsident Erich Laaser.

Ruth Gerbracht zur „Beauftragten für Chancengleichheit“ ernannt

Deshalb hat das Präsidium beschlossen, eine „Beauftragte für Chancengleichheit“ innerhalb des VDS zu ernennen, an die frau sich jederzeit wenden kann, wenn im Beruf Probleme mit männlichen Kollegen auftauchen. Das kann, muss sich aber nicht unbedingt um Belästigung handeln, das kann auch mit dem Arbeitsplatz zu tun haben oder mit anderen Dingen im Verhältnis zwischen Männern und Frauen.

Unsere Beauftragte ist ab sofort die Kollegin Ruth Gerbracht aus Bremen, die Vorsitzende des Vereins Bremer Sportjournalisten. Sie ist erreichbar per E-Mail (r.gerbracht@web.de) oder Mobiltelefon (0171/8301335). Nach 30 Jahren in der Branche und reichlich Erfahrung im Umgang mit Männern hat sie sich sofort bereit erklärt, als Ansprechpartnerin zu fungieren.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Oktober/November 2018 des sportjournalist. Er wurde für die Online-Veröffentlichung um die Informationen zur „Beauftragten für Chancengleichheit“ ergänzt. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

26.11.2018






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