Englische PK-Besonderheiten – Teil I
ManCity-Coach Pep Guardiola (Foto: GES-Sportfoto/Augenklick)

Bitte Sperrfrist beachten!

Pressekonferenzen mit Sperrfrist sind eine Besonderheit im englischen Sportjournalismus. Dieses System soll den Reportern entgegenkommen. Doch es gerät zunehmend unter Druck.

Von Hendrik Buchheister

Das Schauspiel wiederholt sich bei fast jeder Pressekonferenz vor und nach dem Spiel, und es kann befremdlich wirken auf Journalisten aus dem Ausland. Wenn die Trainer der englischen Premier League zu den Medien sprechen, dann tun sie das zumeist in zwei Abschnitten.

Der erste Abschnitt ist offen, jeder Reporter darf seine Fragen stellen, die Antworten werden umgehend im Fernsehen versendet, auf Internetseiten veröffentlicht oder u?ber Soziale Medien verbreitet.

Fu?r den zweiten Abschnitt verlassen die Trainer das Podium und ziehen sich mit einer Gruppe auserwählter Reporter in eine abgeschiedene Ecke des Saales zurück, auf einen Flur oder in einen gesonderten Raum. Was dann besprochen wird, ist nicht zur sofortigen Veröffentlichung gedacht, sondern wird mit einer Sperrfrist versehen.

Die Idee hinter dieser Besonderheit im britischen Fußballjournalismus ist, den verschiedenen Kanälen Rundfunk, Tageszeitung, Sonntagszeitung und Online möglichst viel jeweils exklusives Material zur Verfügung zu stellen. Was auf ausländische Reporter seltsam wirken mag, ist ein Service für Englands Medien. Doch dieser Service gerät zunehmend unter Druck.

Das liegt am Medienwandel, an Trainern wie Pep Guardiola von Manchester City und (dem inzwischen beurlaubten) José Mourinho von Manchester United sowie an immer mehr internationalen Journalisten im Umfeld der Premier League. Außerdem haben es gerade die großen Klubs wegen einer weltweiten Anhängerschaft und vereinseigener Plattformen nur noch bedingt nötig, den Wu?nschen der heimischen Presse gerecht zu werden.

Konkret funktioniert das britische Modell folgendermaßen: Bei den Pressekonferenzen vor einem Spiel, die meistens am Freitagmittag stattfinden, gilt auf den zweiten Teil eine Sperrfrist bis 22.30 Uhr britischer Zeit am selben Abend. Der erste Teil ist also eher für das Fernsehen und für Online-Medien gedacht, der zweite für die Zeitungen am nächsten Tag.

Inhaltliche Unterschiede zwischen offenem und zuru?ckgehaltenem Segment

Das offene und das zuru?ckgehaltene Segment unterscheiden sich inhaltlich, wie Simon Peach erklärt. Er schreibt als Chief Football Writer für die Presseagentur PA über ManUnited und die englische Nationalmannschaft. „Im ersten Teil werden die wichtigsten aktuellen Themen durchgegangen. Personalien, Verletzungen und so weiter. Im zweiten Teil geht es um etwas abseitigere Themen, im Fall von Manchester United zum Beispiel um die Form von Alexis Sanchez oder die Vertragssituation von Anthony Martial“, sagt Peach.

Seiner Meinung nach hat die Zweiteilung für die Zeitungsleser den Vorteil, dass sie am Samstagvormittag noch Themen in der Zeitung finden, die nicht schon den ganzen Freitag im Fernsehen oder den Sozialen Medien besprochen wurden. Bei den Samstagsspielen der Premier League gibt es bei den Pressekonferenzen eine Sektion nur für die Montagszeitungen – mit der Sperrfrist 22.30 Uhr britischer Zeit am Sonntagabend.

Lesen Sie im zweiten Teil des dreiteiligen Reports über die Besonderheiten der englischen Pressekonferenzen, welche Vereine von der Regelung in einem sehr hohen Maße profitieren.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Dezember 2018/Januar 2019 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

22.01.2019






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