Englische PK-Besonderheiten – Teil II
Spieler des englischen Mittelklasse-Klubs FC Watford (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

System mit Sperrfrist bröckelt

Im englischen Sportjournalismus sollen Pressekonferenzen mit Sperrfrist den unterschiedlichen Mediengattungen entgegenkommen. Doch inzwischen können sich gerade Zeitungen nicht mehr alleine auf diese Regelung verlassen. Sie müssen innovativ sein.

Von Hendrik Buchheister

Im ersten Teil des dreiteiligen Reports über die Besonderheiten der englischen Pressekonferenzen ging es um die Gründe für die Einführung von Sperrfristen. So sollen die verschiedenen Kanäle Rundfunk, Tageszeitung, Sonntagszeitung und Online möglichst viel jeweils exklusives Material zur Verfügung gestellt bekommen.

Doch der angestrebte Nutzen dieser Regelung wird zunehmend in Frage gestellt. In Zeiten des konstanten Nachrichtenflusses – und wegen der vielen Sonntagszeitungen in England – wird es für die Blätter am Montag immer schwieriger, ihre Leser noch für einen Bericht zu Samstagsspielen wie etwa Watford gegen Leicester oder Bournemouth gegen Cardiff zu begeistern. Da helfen auch frische Zitate wenig.

Um relevant zu bleiben, müssen die Montagszeitungen innovativ sein. „Wir machen montags keine klassischen Spielberichte mehr, sondern suchen uns zu den einzelnen Partien ein bestimmtes Thema heraus. Das kann ein Spieler sein, eine spezielle Taktik oder eine besondere Statistik“, sagt Paul Hirst. Er berichtet für die Times vor allem über ManCity.
 
Die Montagstexte seiner Zeitung gehen für ihn eher in Richtung Feature oder Kommentar. Der Guardian druckt seit zwei Jahren am Montag nur noch Nachberichte zu den beiden wichtigsten Samstagsspielen und handelt die restlichen Partien in so genannten Talking Points ab. Zitate verlieren an Bedeutung. Dennoch ist das System mit den Sperrfristen aus Sicht der Journalisten grundsätzlich sinnvoll. Auch bei Gesprächen in der Mixed Zone einigen sich die Reporter übrigens auf eine Sperrfrist.

Für kleinere Vereine kann die Praxis einen positiven Effekt haben, wie David Threlfall-Sykes sagt. Er ist Pressesprecher von Huddersfield Town. „Wir glauben, dass es wichtig ist, Inhalte hinter einer Sperrfrist zurückzuhalten, damit die Montagszeitungen noch einen Blick über das Spiel hinaus bekommen und es mehr Feature-Stücke über uns gibt“, sagt er.

Allenfalls interessant für Vereine am unteren Ende der Tabelle
 
Seiner Meinung nach hat sein Klub dadurch bessere Chancen, in den Zeitungen am Montag überhaupt noch eine Rolle zu spielen. „Über uns wird dadurch mehr berichtet, als wenn alle Informationen schon am Samstag veröffentlicht werden würden und es für die Zeitungen am Montag keine News mehr geben würde“, sagt er.
 
Für Vereine am unteren Ende der Tabelle mag das ein gültiges Argument sein. Doch die großen Klubs wie Arsenal, Chelsea, Liverpool oder die beiden Vertreter aus Manchester würden am Montag auch ohne zurückgehaltene Traineraussagen einen prominenten Auftritt in den Zeitungen bekommen. Trotzdem richten sie, zumindest meistens, bei ihren Pressekonferenzen auch eine Sektion mit Sperrfrist ein.

Lesen Sie im dritten und letzten Teil des Reports über die Besonderheiten der englischen Pressekonferenzen, wie die Journalisten auf der Insel die entsprechenden Aktivitäten der Topvereine bewerten.

Dieser Artikel stammt aus der Ausgabe Dezember 2018/Januar 2019 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des VDS erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

05.02.2019






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