Fußball-WM der Frauen
Jubelndes US-Team nach dem WM-Triumph (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Gleichberechtigung statt paternalistisches Lob

Im Kampf um Anerkennung haben die Fußballspielerinnen in Megan Rapinoe ihre Frontfrau gefunden. Darauf lassen zumindest Anerkennung, ja Bewunderung für die Weltmeisterin aus den USA schließen. Doch was passiert nach der WM?

Von Frank Heike

An Megan Rapinoe kam bei der Fußball-WM keiner vorbei. Bis weit nach Abpfiff des Endspiels bestimmte sie die Agenda. Sportlich, als treffsichere Co-Kapitänin der siegreichen US-Amerikanerinnen. Und inhaltlich, als Vorkämpferin für die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Oder müsste man die Reihenfolge schon hier ändern? Wann hat eine Sportlerin oder ein Sportler die Bühne eines Großereignisses zuletzt so mutig genutzt, um Missstände in der Behandlung seiner oder ihrer Sportart anzuprangern?
 
Weil diese moderne Ikone mit der (fehlenden) Gleichbehandlung einen der wichtigsten Diskurse unserer Zeit anpackte, fand sie so viel Gehör. Nicht alles passt nach Deutschland – gleiche Bezahlung von Spielerinnen und Spielern der höchsten Klassen erschiene hierzulande vermessen –, ist aus Rapinoes Sicht aber eine plausible Forderung. Schließlich sind die US-amerikanischen Fußballerinnen viel erfolgreicher als die Männer. Und mehr sind sie auch (Rapinoe-Foto: firo sportphoto/Augenklick).
 
Der Sound dieser WM war der Kampf der Spielerinnen um Anerkennung. Plötzlich saßen meinungsbestimmende Frauen wie Rapinoe, Marta oder Almuth Schult in der ersten Reihe und zeigten mit dem Finger auf den männerdominierten Fußball: Seht her, wir sind so viel besser geworden – und trotzdem müssen wir uns bei den Prämien, der Anerkennung, der Terminierung hinten anstellen! Nicht einmal der eigene Verband nimmt uns ernst.

Professionalisierung des Frauensports im Verband überfällig
 
Von der „anhaltende Verzwergung“ des Frauenfußballs schrieb etwa Andreas Rüttenauer in seinem taz-Kommentar. Ihn ärgerte, wie nonchalant der kommissarische DFB-Präsident Rainer Koch und Oliver Bierhoff, Direktor Nationalmannschaften und Akademie, das deutsche Aus im Viertelfinale schönredeten: „Die Förderung und Professionalisierung des Frauensports im Verband mit dem nötigen Personal, mit einer eigenen wirkmächtigen Abteilung auszustatten, das würde der Bundestrainerin sicher mehr helfen als paternalistisches Lob für die tollen Mädels.“
 
Auch Daniel Meuren monierte in der FAZ, dass es mit der Gleichberechtigung im Fußball nichts werde, solange der DFB Frauenländerspiele „wie Kindergeburtstage“ behandele: Das EM-Qualifikationsspiel gegen Montenegro findet am 31. August um 12.30 Uhr statt. Irgendwie wurde man auch das Gefühl nicht los, den DFB interessiere die parallel ausgetragene U21-EM mehr als die Frauen-WM.
 
Lesenswert war der Beitrag Kathrin Längerts bei Zeit Online. Die frühere Nationalspielerin, unter anderem Bayern München, beantwortete unter der Überschrift „An alle Frauenfußballhasser“ gehässige Posts nüchtern und klug. Sie wünscht sich einen DFB, der nicht verwaltet, sondern vorangeht, auch in Sachen Diversität: „Ich sehe im Präsidium des DFB keine Migranten, Schwule, Lesben, Menschen mit Handicap, sondern weiße Männer in Anzügen.“

„Schönfärberei bei den WM-Berichten von ARD und ZDF“
 
Kein gutes Zeugnis stellt Längert den Öffentlich-Rechtlichen aus. „Ich beobachte eine Schönfärberei bei den WM-Berichten von ARD und ZDF. Diese Haltung, vermute ich, rührt aus einem schlechten Gewissen. Wenn Deutschland schlechter spielt, wie in Teilen während dieser WM, sollte man das auch klar sagen.“
 
Frauenfußball derart zu „beschützen“, scheint keine angemessene Haltung. Megan Rapinoe jedenfalls hat Haltung bewiesen. Ob sie den Sport mit ihren politischen Themen überfrachtet hat, steht auf einem anderen Blatt. Wäre ohne sie vielleicht mehr über den Frauenfußball an sich gesprochen worden?

Dies ist die gekürzte Fassung eines Artikels aus der Ausgabe August/September 2019 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des Verbandes Deutscher Sportjournalisten erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

21.08.2019






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