Automatisch generierte Fußballtexte
Szene aus einem Spiel im Amateurfußball (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Wenn der Roboter über die Kreisklasse schreibt

Über die größte Amateurfußballplattform des DFB bekommen 25.000 Vereine seit der neuen Saison automatisch generierte Artikel angeboten. Tausende Texte sollen die regionale Berichterstattung ergänzen und die Leistungen an der Basis aufwerten. Der VDS nimmt die Sorge, dass Journalist*innen überflüssig werden könnten, ernst.

Von Frank Hellmann

Das digitale Zeitalter hat vor dem Amateurfußball nicht Halt gemacht. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mit seinen Mitgliedsverbänden empfängt inzwischen nahezu 100 Prozent aller Spielberichte über die Plattform DFBnet auf elektronischem Wege.

Diese Datenfülle wird bereits über die Amateurfußballplattform fussball.de zeitnah online abgebildet. Zur neuen Saison erhalten die 160.000 Fußballmannschaften nun eine neue Bühne: Der nächste Schritt sind automatisch generierte Vor- und Nachberichte zu allen Ligaspielen bei den Männern und Frauen sowie im Nachwuchsbereich von der A- bis zur C-Jugend (Logo-Abbildung: DFB).

Dann entstehen pro Wochenende bis zu 75.000 automatisch generierte Sportberichte. Die Fußballverbände kämen damit dem Wunsch ihrer Amateure nach regionaler Berichterstattung nach, erklärt Frank Biendara, Geschäftsführer IT & Digital der DFB GmbH: „Die Texte sind ein kostenloser Service für die Basis und sollen das Interesse für den Amateurfußball in der Öffentlichkeit weiter steigern.“

Die Berichte werden auf fussball.de sowie in der zugehörigen App angezeigt. Ferner ist geplant, die editierbaren Texte den Vereinen auch für eigene Online-Auftritte kostenfrei zur Verfügung zu stellen. „Fußball war nie altmodisch“, sagt Biendara, „wenn wir nicht mit der Zeit gehen und dem digitalen Wandel, werden wir an Bedeutung verlieren.“

Automatisierung von Inhalten basiert auf Künstlicher Intelligenz

Gleichwohl ist es kein einfacher Weg, um von der Datenausspielung zu einer Textform zu kommen. Die DFB GmbH arbeitet dazu mit dem Berliner Unternehmen Retresco zusammen, die zu den weltweit führenden Firmen in der auf Künstlicher Intelligenz basierenden Automatisierung von Inhalten zählt.
 
Grundlage für die automatisch erstellten Spielberichte sind die offiziellen Spieldaten aus DFBnet, die durch die Software textengine.io in Texte „übersetzt“ werden. Die dazu benötigten Textmodelle entwickelte Retresco gemeinsam mit dem Sportmedien- und Vermarktungsspezialisten SPM Sportplatz Media.

Projektmanagerin Anja Vianden hat beim DFB die zweijährige Pilot- und Probephase mitgemacht. In dem zehnköpfigen Team seien Software-Entwickler, Machine-Learning-Spezialisten, Linguisten und Journalisten vereint, „um der Maschine die Metaphern und Redewendungen, Fachbegriffe und die notwendigen Algorithmen beizubringen“, sagt sie. Die Fußballersprache sei noch einmal eine eigene, schließlich soll „es nach Fußball und nicht nach Shakespeare klingen“.

Der Mannschaftsverantwortliche mit entsprechender DFBnet-Kennung kann die Robotertexte für das eigene Team bearbeiten und Bilder hinzufügen. Und natürlich soll das Geschriebene über die Sozialen Netzwerke wie WhatsApp, Twitter, Facebook oder Instagram geteilt werden. Daraus ergäbe sich ein Dominoeffekt, der vermehrtes Interesse erzeugt.

Die Robotertexte, die als solche gekennzeichnet sein werden, seien „in erster Linie eine Ergänzung zur vorhandenen lokalen Berichterstattung“, sagt Ralf Köttker, Mediendirektor und stellvertretender Generalsekretär des DFB. Keinesfalls aber könne und solle damit klassischer Sportjournalismus überflüssig gemacht werden. „Ein Roboter wird nie den Reporter ersetzen können“, betont Köttker, der vor seiner DFB-Tätigkeit Fußballchef der Welt-Zeitungsgruppe war.

„Dürfte Konsumenten nicht gefallen, überall die gleichen stereotypen Texte zu lesen“

Auch Elisabeth Schlammerl, 2. Vizepräsidentin des VDS, sieht Grenzen für den Roboterjournalismus, der viel, aber nicht alles könne. „Er mag manchmal hilfreich sein, wenn am Wochenende im Lokalsport der Zeitungen in aller Schnelle von unteren Klassen kleinere Spielberichte erstellt oder umfangreiche Datensätze zu einem ohnehin trockenen Text verarbeitet werden müssen. Aber er kann und darf den Journalisten nicht ersetzen“, sagt sie.

Roboter seien nicht geeignet, Analysen zu erstellen, Einschätzungen abzugeben oder zu kommentieren. „Es fehlt an Empathie und Lebenserfahrung, um Entwicklungen beurteilen zu können. Darüber hinaus dürfte es auch den Konsumenten nicht gefallen, überall die gleichen stereotypen Texte zu lesen“, sagt Schlammerl.

Dieser Artikel – hier in gekürzter Fassung – stammt aus der Ausgabe August/September 2019 des sportjournalist. Hier geht es zur Bestellung des Einzelheftes beim Meyer & Meyer Verlag. Mitglieder des Verbandes Deutscher Sportjournalisten erhalten den alle zwei Monate erscheinenden sportjournalist automatisch per Post und können sich das Heft zudem im Mitgliederbereich kostenlos als PDF herunterladen. Dies gilt auch für ältere Ausgaben.

24.09.2019






« zurück
19. - 21. November 2019



Magazin sportjournalist
Die aktuelle Ausgabe:
Oktober/November

Titelthema

Felix Neureuther über Medien und Sport und seinen neuen Job als ARD-Experte
Von Johannes Knuth

Intern
Antragsformular und Kontakte für den Presseausweis 2020

Medien
Wie die Deutsche Telekom mit MagentaTV im Sport-Fernsehen mitmischt
Von Gregor Derichs

Weitere Informationen
Regionalvereine