Report zu Pressefreiheit – Teil I
Die serbische Insajder-Reporterin Mirjana Jevtovic (Foto: Ronny Blaschke)

Lebensgefahr im Spiel mit der Macht

Pressefreiheit? In vielen Ländern auch für Sportjournalist*innen ein Fremdwort. Der Autor Ronny Blaschke hat für sein neues Buch „Machtspieler“ auf vier Kontinenten recherchiert und berichtet auf sportjournalist.de. über deren Arbeit unter extremen Bedingungen.

Ronny Blaschke hat im März sein fünftes Buch veröffentlicht: „Machtspieler – Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution“ (Verlag Die Werkstatt). Darin beschreibt der 38 Jahre alte Journalist, der dem Verband der Sportjournalisten Berlin-Brandenburg angehört, den Fußball als politisches Machtinstrument, unter anderem in China, Russland und den Golfstaaten. Blaschke führte auf vier Kontinenten rund 180 Interviews, auch mit etlichen Journalistinnen und Journalisten.

Im November des vergangenen Jahres wird in Doha der 24. Golf-Cup gespielt, ein Fußballturnier mit Nationalteams der Arabischen Halbinsel. Im klimatisierten Saal eines Luxushotels finden vor den Spielen die Pressekonferenzen der Trainer statt. In der vierten Reihe sitzt der Zeitungsreporter Yahya Alhalali und protokolliert fast jedes Wort. „Ich nehme meine Arbeit sehr ernst“, sagt er und betont: „Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass ich hier sein darf.“

Yahya Alhalali stammt aus Jemen. Das Land im Südwesten der Arabischen Halbinsel wird seit Jahren von ethnischen Konflikten, Krieg und Epidemien beherrscht. Auf dem Global Innovation Index, einer Rangliste für die Innovationsfähigkeit, liegt Jemen von 129 bewerteten Staaten auf dem letzten Platz. „An einen ungefährlichen Alltag ist schon lange nicht mehr zu denken“, sagt Alhalali, „auch Fußballer und Sportreporter wurden entführt und getötet. Andere sind auf der Flucht über das Mittelmeer ertrunken.“ Die Fußball-Liga Jemens ruht seit 2014, die Nationalmannschaft bestreitet Trainingslager außer Landes (Alhalali-Foto: Ronny Blaschke).

Trotzdem ist Fußball eines der wenigen Themen, mit denen sich rivalisierende Bevölkerungsgruppen gleichermaßen identifizieren können. Das wurde im Januar 2019 deutlich, als die jemenitische Auswahl erstmals an der Asienmeisterschaft teilnahm. „Unsere Bevölkerung ist überdurchschnittlich jung, die Arbeitslosigkeit ist hoch“, sagt Yahya Alhalali. „Der Fußball gibt uns Hoffnung.“

„Ich hätte noch größere Strapazen auf mich genommen“

Deshalb hat er wochenlang auf sein Visum gewartet und ist nach Katar zum Golf-Cup gereist. Zunächst 22 Stunden mit dem Auto nach Sanaa, in die jemenitische Hauptstadt mit dem letzten funktionierenden Flughafen. Dann über Beirut und Amman nach Doha, fast zwei Tage hat das insgesamt gedauert: „Aber ich hätte auch noch größere Strapazen auf mich genommen.“

Pressefreiheit: Ein Begriff, der auch von westeuropäischen Sportjournalisten immer wieder ins Feld geführt wird. Zum Beispiel in England, wo sie kaum noch die Trainingseinheiten in der Premier League beobachten können. Oder in Spanien, wo große Klubs interessante Nachrichten oft zuerst in vereinseigenen Medien veröffentlichen. Oder in Deutschland, wo sich mehrere Reporter häufig einen gemeinsamen Interviewtermin mit Nationalspielern teilen müssen. Immer wieder wird die Pressefreiheit als gefährdet beschrieben. Aber ist die Empörung in diesen demokratisch regierten Staaten wirklich gerechtfertigt?

Mirjana Jevtovic atmet tief durch, als sie auf dieses Thema angesprochen wird. Die investigative Journalistin sitzt in einem Straßencafé in Belgrad und zündet sich eine Zigarette nach der anderen an. Seit 15 Jahren arbeitet sie für Insajder, eines der wenigen unabhängigen und kritischen Fernsehmagazine in Serbien. Jevtovic recherchiert in der Politik – und landet zwangsläufig beim Fußball. Zum Beispiel bei Hooligans, die Anfang der 1990er-Jahre in den Jugoslawienkrieg gezogen sind. Und die später durch Verbrechen reich wurden, durch Auftragsmorde, Menschenhandel oder Drogenverkauf.

Das hat Folgen für Insajder. Fans von Partizan Belgrad erstachen bei einem Heimspiel eine aufblasbare Puppe, die das Redaktionsmitglied Brankica Stanković darstellen sollte, dazu der Ruf: „Du wirst enden wie Curuvija.“ Der Journalist Slavko Curuvija war 1999 vor seinem Haus erschossen worden.

Brankica Stankovic erhielt Polizeischutz, doch sie und ihre Kollegen recherchierten weiter. Zum Beispiel über Hooligans, die zu Unternehmern und Sicherheitskräften aufstiegen. Und die in den Fankurven Proteste gegen die Regierung verhindern. Aleksandar Vucic, seit 2017 Präsident Serbiens, erinnert gern an seine Vergangenheit in der Delije, der wohl wichtigsten Fanvereinigung bei Roter Stern Belgrad.

„Viele Menschen haben die Hoffnung auf eine Demokratisierung verloren“

„Unsere Recherchen haben leider selten Konsequenzen“, sagt Mirjana Jevtovic und listet auf, wer bei Roter Stern ein- und ausgehe: Polizisten, Anwälte und Beamte. „Viele Menschen in Serbien haben die Hoffnung auf eine Demokratisierung verloren.“ Ähnliches berichten Kollegen aus anderen Ländern des Balkans, aus dem Kosovo oder Bosnien und Herzegowina.

Auch dort fehle ein unabhängiger öffentlich-rechtlicher Rundfunk, erzählt Mirjana Jevtovic, und viele Zeitungen hielten sich mit kritischen Berichten zurück, aus Sorge vor einem Anzeigenverlust: „Leider gibt es auch viele Sportreporter, die von der Korruption wissen, aber nichts davon öffentlich machen. Sie haben Sorge, ihre Akkreditierung und damit ihre Privilegien zu verlieren.“

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03.05.2020






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