Studie „Sexismus im Sportjournalismus“ – Teil II
Sportjournalistin im Gespräch mit Fußballtrainer (Foto: firo sportphoto/Augenklick)

Sensibilisierung für ein oft unausgesprochenes Thema

Die Studie „Chancen und Herausforderungen von Frauen im Sportjournalismus“ der TU München hat es in sich. Sexuelle Belästigungen sind leider nicht die Ausnahme. Vielleicht kann die Umfrage aber bewirken, dass das Thema nicht wieder von der Tagesordnung verschwindet.

Von Prof. Dr. Michael Schaffrath

Durch die #MeToo-Bewegung wurde eine internationale Debatte über Sexismus ausgelöst. Damit ist ein Thema virulent, das auch hierzulande viel zu lange ignoriert und tabuisiert worden ist. Erleben oder besser erleiden Sportjournalistinnen sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz? Dieser Frage wurde an der TU München unter anderem im Rahmen der Studie „Chancen und Herausforderungen von Frauen im Sportjournalismus“ nachgegangen. Leiter der Studie ist Prof. Dr. Michael Schaffrath, der dem Arbeitsbereich für Medien und Kommunikation an der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften vorsteht. Im ersten Teil der Darstellung ausgewählter Studienergebnisse ging es um die Frage, für wie relevant Sportjournalistinnen die Sexismus-Debatte halten. Diese wurde per Online-Befragung um ihre Einschätzung gebeten.

Das Sozialwissenschaftliche Umfragezentrum Duisburg, das im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2015 unter der Überschrift „Gleiches Recht. Jedes Geschlecht“ eine Studie durchführte, hat festgestellt, dass in den meisten Fällen sexuelle Belästigungen von Männern ausgehen. Dieser Befund führt zwangsläufig zu der Frage, ob in den klar männerdominierten Sportredaktionen, in denen durchschnittlich nur zwischen zehn und 15 Prozent Frauen arbeiten, die also schon zahlenmäßig einen gewissen Sonderstatus besitzen, sexuelle Belästigungen im Unterschied zu anderen Jobs, in denen die Geschlechterverteilung ausgeglichener ist, begünstigt werden. Aufklärung darüber kann aber nur eine direkte Arbeitsplatz-Vergleichsstudie bringen, die bisher nicht erstellt worden ist.

Eine abschließende Definition für „Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“ ist schwer zu finden. Dies hängt damit zusammen, dass sich die subjektive Wahrnehmung, ab wann man sich belästigt fühlt, kaum objektivieren lässt. Beginnt das Vergehen schon bei zu vielen Komplimenten, bei anzüglichen Witzen oder sexistischen Bemerkungen? Geht es weiter mit harmlos wirkenden Flirts bzw. unverschämtem „Anmachen“? Und endet es dann in ungewollten Berührungen oder gar übergriffigen Aktionen? Der Grat ist schmal, das Spektrum groß und daher auch die juristische Einordnung uneinheitlich.

Klar ist aber, dass es nicht erst zu sexueller Gewalt gegen Frauen kommen muss, damit von sexueller Belästigung geredet werden kann (Tabelle 1, rechts: Schaffrath/TU München).

Dementsprechend hat auch das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben einen „Katalog“ verschiedener Formen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz entwickelt, der in dieser Studie konkret abgefragt worden ist.

Von den sieben möglichen Formen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz hat keine Sportjournalistin bislang die schlimmste Variante, nämlich eine sexuelle Gewalthandlung, erleiden müssen. Das erscheint auf den ersten Blick ebenso tröstlich wie das Ergebnis, dass nur eine Befragte angibt, dass ihr sexuelle Gewalt schon einmal angedroht worden sei.

Demgegenüber haben das Zeigen oder Zusenden pornographischer Fotos oder Filme immerhin rund sechs Prozent der Sportjournalistinnen erlebt, sexualisierte Berührungen sogar etwas mehr als acht Prozent. Ungewollte Posts und Mails mit sexuellem Inhalt haben knapp 14 Prozent zugeschickt bekommen. Ein Drittel berichtet von aufdringlichen Blicken. Und knapp die Hälfte der Befragten sieht sich unfreiwillig mit obszönen Bemerkungen oder Gesten konfrontiert.

Letzteres wird also von vielen Sportjournalistinnen wahrgenommen, aber längst nicht von jeder in die Rubrik „sexuelle Belästigung“ eingeordnet. So schreibt eine nicht namentlich zu nennende Befragte in einer separaten Mail: „Obszöne Sprüche – die nicht persönlich bezogen sind – würde ich niemals als sexuelle Anmache oder Belästigung sehen. Und ich zumindest kann für mich und meine Kollegen sprechen – es ist auch in keinem Fall so gemeint.“

Ob diese Einschätzung von anderen Frauen geteilt wird oder gar mehrheitsfähig ist, kann hier nicht geklärt werden. Aber das Statement zeigt, wie differenziert man an die Problematik herangehen muss – gesellschaftlich, journalistisch und gewiss auch wissenschaftlich.

Die Befragung von Sportjournalistinnen belegt erstmalig, dass sexuelle Belästigungen auch in Sportredaktionen vorkommen. Gewalttätige Übergriffe sind nicht dabei, dafür andere verschiedenartige und subtile Formen. Aber das Empfinden, was dazu gehört oder was eben nicht dazu gehört, scheint unterschiedlich auszufallen. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass das Thema von den belästigten Frauen bislang fast nie selbst zum Thema gemacht worden ist – zumindest nicht zu einem öffentlichen. Die Betroffenen haben vielleicht aus Scham oder aus Angst, möglicherweise auch auf Druck über bestimmte Vorfälle geschwiegen.

Vermutlich gibt es für das Negieren, das Ignorieren oder das Bagatellisieren noch eine Reihe anderer Gründe, die aus der persönlichen Perspektive vielleicht sogar nachvollziehbar sind. Die Bekanntmachung wird zudem dadurch erschwert, dass sexuelle Belästigungen und sexuelle Übergriffe in den meisten Fällen sogenannte Vier-Augen-Delikte sind, bei denen eben nur zwei Menschen wissen, was tatsächlich vorgefallen ist. Und da stellt sich dann sofort die Glaubwürdigkeitsfrage, die schnell zu einer Glaubwürdigkeitsfalle werden kann.

In diesem Sinne könnten die Ergebnisse dieser Studie einen Beitrag zur Problemsensibilisierung für ein oftmals weder an- noch ausgesprochenes Thema auch im deutschen Sportjournalismus darstellen.

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29.12.2020






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