Essay von Albert Mehl
Angestellte im Homeoffice (Foto: GES-Sportfoto/Oliver Hurst/augenklick)

Weiter mit Homeoffice und Streamingdiensten?

Homeoffice statt Halle. PC statt PK. Problem damit? Oder doch nicht so prall auf Dauer? Ein Essay aus der Buschtrommel des Vereins Frankfurter Sportpresse zum Sportjournalismus während und nach der Zeit der Corona-Einschränkungen aus Redakteurssicht.

Ein kleiner Trost ist es ja: Auch die Kolleginnen und Kollegen, die man in diesen merkwürdigen Corona-Zeiten trifft, tragen ihre Haare (sofern sie sich nicht gezwungenermaßen oder freiwillig für die ganz kurze Variante entschieden haben) offen, wie es so schön heißt. Die gewünschten Frisuren sind in diesen beschränkten Wochen und Monaten meist nur sehr schwer in die vorgesehene Fasson zu bringen. Doch mit dem Ende des Lockdowns und dem Gang zum Friseur lässt sich das meist schnell wieder richten.

Aber wie sieht es in unserem beruflichen Umfeld aus? Werden wir angesichts eines Jahres unter besonderen Arbeits- und Lebensbedingungen wieder wie gewohnt unserem sportjournalistischen Handwerk nachgehen, wenn die Normalität zurückgekehrt ist? Sofern sie denn wieder kommt. Sich jetzt schon diese (und die nachfolgenden) Fragen zu stellen, kann hilfreich sein, wenn wir und unser Berufsleben nicht mehr primär von diesem kleinen vermaledeiten Virus bestimmt werden (Cover-Abbildung: Verein Frankfurter Sportpresse).

Unser Betätigungsfeld (in allen Mediengattungen) hat sich deutlich verändert, seit nur noch der professionelle Sportbetrieb und einzelne weitere Ausnahmen sich wie gewohnt entfalten dürfen. Damit ist auch für den Großteil unserer Zunft eine deutlich stärkere Fixierung auf den Spitzensport die Folge. Denn allein diese kleine Spitze der großen Sport-Pyramide liefert noch Tag für Tag Themen. Wollen wir das?

Wenn wir jetzt den Amateur- und Breitensportbereich notgedrungen außen vor lassen, wenn allenfalls neben (meist trostlosen) Zustandsbeschreibungen der Griff in die Historie und das Ausweichen auf diverse Online-Aktivitäten hier noch für Arbeitsschwerpunkte taugen, brennen wir dann darauf, diesen Sektor des Sports wieder stärker in den Blickpunkt zu nehmen? Oder haben wir uns nicht schön angenehm in der neuen Situation eingerichtet?

Schön gemütlich in eigenen vier Wänden konzentrierter Betrachter sein

Eine Situation, die auch beinhaltet, dass wir nur noch wenige Spiele, Wettbewerbe und Wettkämpfe (von den wenigen, die noch stattfinden dürfen) live miterleben. Sondern sie per TV oder diverse Streaming-Angebote anschauen, zumal es ja oft Verbote oder drastische Beschränkungen in den Wettkampfstätten für unseren Berufsstand gibt.

Aber ist es nicht auch verführerisch, sich nicht mehr auf den Weg in das kalte Stadion, die überfüllte Halle oder das abgelegene Sportgelände machen zu müssen? Stattdessen schön gemütlich in den eigenen vier Wänden in Ruhe konzentrierte Betrachter sein zu können. Aufschlüsse aus der Zeitlupe ziehen zu können. „Die Auszeit live mithören zu können“, wie es jüngst der Berichterstatter eines Bundesliga-Handballspiels formulierte (Foto: firo sportphoto/augenklick).

Aber wollen wir wirklich nicht mehr dabei sein? Den Faktor der Authentizität so einfach aus der Hand geben? Das Geschehen nicht nur aus der Sicht des TV- oder Online-Regisseurs und seiner Kameraleute betrachten? Den Vorteil des Vor-Ort-Journalismus mit dem hautnahen Erleben des sportlichen Ereignisses so mir nichts dir nichts preisgeben? Wollen wir die handelnden Akteure nicht direkt vor uns zum persönlichen Gespräch treffen? Ihre Emotionen hautnah miterleben? Statt einer Videokonferenz beiwohnen zu müssen und Fragen nur per WhatsApp stellen zu dürfen?

Kleiner Einwurf: Machen wir uns nichts vor. Etlichen Veranstaltern, Verbänden und Vereinen des Spitzen- und Profisports käme eine solche Entwicklung noch nicht einmal ungelegen. Sportberichterstattung passiert aber nicht nur vor Ort. Die Sportredaktion war bislang jedenfalls der notwendige (!) Schmelztiegel, um die Inhalte unseres Arbeitsfeldes zu filtern und in die professionellen Bahnen zu lenken. Die Ein-Personen-Redaktionen (von denen es leider immer mehr gibt) hier einmal ausgenommen. Das ist in Corona- Zeiten schwierig geworden. Manchmal sogar unmöglich. Homeoffice ist angesagt.

Direkte soziale Kontakte sollen pandemiebedingt möglichst vermieden werden. Etliche Kolleginnen und Kollegen fremdeln mit diesen Vorgaben. Viele haben sich aber mit den neuen Umständen arrangiert, gut arrangiert. Schließlich spart die Heimarbeit Fahrtwege und damit Zeit; und zu Hause lässt sich doch das private und berufliche Tagwerk viel besser organisieren. Oder nicht? Warum das denn nicht beibehalten, mag sich die eine oder der andere da denken. Und vergisst allzu schnell, wie wichtig neben dem berufsunabhängigen persönlichen Kontakt der Austausch in der Gruppe ist.

Nicht zuletzt, um seine Sicht der Dinge auf den Prüfstand zu stellen, sich mit der Kollegenschaft auszutauschen und neue Argumente aufzunehmen. Schließlich ist eine Redaktion kein Stammtisch, sondern eine Arbeitsgemeinschaft von Fachleuten. Und der direkte Kontakt mit den anderen Ebenen des Verlags, der Sendeanstalt oder des Internetanbieters bringt ebenfalls Vorteile. Der Mensch ist nun mal ein soziales Wesen und lernt im besten Fall sein ganzes Leben. Auch und gerade im Sportjournalismus. Diesen angesprochenen Fragen sich bereits jetzt zu stellen, ist alles andere als an den Haaren herbeigezogen.

Dieser Artikel stammt aus der Buschtrommel 1/2021. Das dreimal pro Jahr erscheinende Mitteilungsblatt des Vereins Frankfurter Sportpresse e.V. und der Sportabteilungen im VFS kann auf der Website des Regionalvereins kostenlos als PDF-Datei heruntergeladen werden.

21.08.2021






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