Streaming-Projekt
Neue Streaming-Plattform (Foto: Axel Springer)

Alles außer Fußball

Der ehemalige DFL-Chef Christian Seifert und Axel Springer wollen 2023 eine neue Streaming-Plattform starten. Das dürfte bereits jetzt Auswirkungen auf die Verhandlungen für Rechte an Live-Übertragungen haben. Und erste Vertragsabschlüsse können sie bereits vorweisen.

Von Stefan Freye

Derzeit steht noch gar nicht fest, was genau sie zeigen wird, nicht einmal einen Namen hat die Streaming-Plattform bislang erhalten. Die Ende Januar angekündigte Zusammenarbeit zwischen dem Axel-Springer-Konzern und Ex-DFL-Chef Christian Seifert sorgt aber bereits für Gesprächsstoff. Vor und hinter den Kulissen. Seitdem das selbst für so manchen Experten überraschende Projekt in trockenen Tüchern ist, wird spekuliert: Was haben sie eigentlich vor? Und wie reagieren die anderen Player auf dem Markt der Sportübertragungen?

Nun, was sie vorhaben, das war einer Pressemitteilung vom 31. Januar in Grundzügen zu entnehmen: Geplant ist eine Streaming-Plattform für Liga-Wettbewerbe und Einzel-Events. Diese soll im Herbst 2023 an den Start gehen und „Millionen von deutschen Sportfans, die sich für Ligen und Sportarten jenseits des Fußballs begeistern, eine neue mediale Heimat“ bieten.

Dem Fußball will man sich also verweigern. Ein Engagement in der Sportart Nummer eins wäre auch recht kostspielig und damit entsprechend riskant. Zwischen 2005 und 2021 stieg allein der Preis für die TV-Rechte der Bundesliga von rund 400 Millionen Euro auf über eine Milliarde pro Jahr. Die Zeitspanne umfasst übrigens exakt Seiferts Wirken bei der DFL. Hinter ihm liegt also eine wirtschaftliche Erfolgsstory größeren Ausmaßes, er gilt schließlich als treibende Kraft hinter der kräftigen Steigerung der Verwertungsrechte (Seifert-Foto: Frank Hoermann/Fotoagentur Sven Simon/Pool via sampics Photographie/augenklick).

Nun hat Seifert die Seiten gewechselt und buhlt seinerseits um die Gunst der Funktionäre. Er sagt, man werde „zahlreichen Ligen und Verbänden attraktive Kooperationsangebote unterbreiten“, und das Medienhaus Axel Springer sei dabei der „perfekte Partner“. Die Blumen gibt es gleich zurück: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, rühmt Seiferts „herausragende Erfahrung und ausgewiesene Kompetenz“. Mit dem gemeinsamen Medienunternehmen könne man künftigen Partnern eine „einzigartige Plattform“ bieten, schwärmt Döpfner.

Sicher ist: Das Start-Up namens S Nation Media, gegründet vom geschäftsführenden Gesellschafter Seifert und mehrheitlich gehalten von Axel Springer, bemüht sich um Sportarten wie Handball, Basketball, Eishockey, Tischtennis oder Hockey. Nach Informationen des sportjournalist befinden sich die Verantwortlichen derzeit in Gesprächen mit den ersten Ligen in Basket- und Handball. Dort werden die TV-Rechte bereits kommenden Sommer neu ausgeschrieben.

Es geht um Content aller Art, also ein umfassendes Bespielen

Dabei verfolgt der prominente Neuling einen ganzheitlichen Ansatz: Es geht nicht allein um die Übertragung der Spiele, sondern auch um Content aller Art, also etwa ein umfassendes Bespielen der öffentlichen Medien an sieben Tagen der Woche. Sicher ist daneben auch: Zwar soll sich das neue Angebot an den Endkunden wenden, darüber hinaus aber auch „über bereits im Markt verfügbare Plattformen erhältlich sein“.

Doch Seifert und Axel Springer streben die Exklusivrechte ihrer jeweiligen Partner an. Die „bereits im Markt verfügbaren Plattformen“ sollen ihre Verwertungsrechte ab 2023 also von einer neuen Konkurrenz erwerben, die als zentraler Produzent der Inhalte auftritt. Aus informierten Kreisen heißt es allerdings, das Team aus Seifert und Axel Springer sei nicht bereit, die Preise für die angestrebten Rechte ins Unermessliche zu treiben. Man möchte mit einem Gesamtkonzept überzeugen, nicht mit dem finanziellen Rahmen, der nach Informationen des Unternehmens „potenziell“ im zweistelligen Milionen-Bereich liegen wird. 

Ob es so kommt und wie der Weg zu einer neuen Struktur aussieht, dürfte zu den spannendsten Fragen im Sportbusiness der kommenden Monate zählen. Schon jetzt gibt es einige Antworten. Sie sind inoffiziell, und ihr Ansatz ist geprägt von den Sympathien des jeweiligen Informanten. So findet etwa ein Insider, die betreffenden Ligen müssten eigentlich schnell erkennen, welche Chancen mit dem neuen Portal verbunden sind: „Der Fokus liegt ja darauf, die Sportarten glänzen zu lassen.“ Das ist gut möglich (Foto Szene aus BBL-Spiel: sampics Photographie/augenklick).

Aber es gibt auch noch eine andere Perspektive: Deren Unterstützer weisen darauf hin, dass es schwer sein dürfte, eine entsprechende Plattform zu etablieren. Schließlich wäre die Reichweite der in Rede stehenden Sportarten begrenzt, und die aktuelle Berichterstattung befände sich bereits auf einem guten Niveau. Wer nun antritt, müsse erst einmal nachweisen, dass er die gleiche Qualität ähnlich rentabel und kostengünstig anbieten kann. Man könne dem neuen Projekt deshalb nur alles Gute wünschen – und das ist zweifellos lakonisch gemeint.

Es trifft aber offenbar die Haltung der etablierten Anbieter. So heißt es von MagentaTV, das derzeit unter anderen die ersten Ligen in Basketball und Eishockey anbietet: Man habe die Neuigkeiten mit Interesse zur Kenntnis genommen. „Ein vergleichbares Angebot haben wir seit mehreren Jahren mit MagentaSport erfolgreich im Markt etabliert und wollen das Portfolio in Zukunft noch weiter ausbauen“, sagt Malte Reinhardt, Pressesprecher der hinter MagentaTV stehenden Deutsche Telekom AG. Man gibt sich also recht gelassen.

Seifert/Springer-Projekt hat Verhandlungsposition der Ligen gestärkt

Das gilt schließlich auch für das Objekt der Begierde, namentlich: die Ligen. Das Branchenmagazin Sponsors hat sich an die Geschäftsführer der jeweiligen Spielklassen gewandt und um eine Einschätzung gebeten. Die Zusammenfassung der jeweiligen Statements fällt relativ leicht: Man gibt sich interessiert und ist gespannt auf das neue Projekt. Wer bereits einen Partner hat, weist allerdings auch auf die fruchtbare Zusammenarbeit in der Vergangenheit hin.

So betont Stefan Holz von der Basketball Bundesliga: „Die Deutsche Telekom ist definitiv unser erster Ansprechpartner, den wir jetzt natürlich nicht einfach fallen lassen, nur weil ein neuer Player auf den Markt kommt.“ Anderseits sei es natürlich eine „gute Nachricht“, dass der Kreis der Anbieter um eine ernstzunehmende Plattform erweitert werde. Für eines dürfte die angekündigte Zusammenarbeit von Seifert und Axel Springer also bereits gesorgt haben: Sie hat die Verhandlungsposition der Ligen gestärkt.

Anmerkung der Redaktion: Inzwischen können Axel Springer und Christian Seifert die ersten konkreten Zusagen verbuchen. Die Tischtennis-Bundesliga, die Volleyball-Bundesliga und die BBL (ab der Saison 2023/2024) werden auf dem Portal vertreten sein. Der Autor Stefan Freye ist 2. Vorsitzender des Vereins Bremer Sportjournalisten. Er arbeitet als Freelancer von der Hansestadt aus. Hier geht es zu Freyes LinkedIn-Account.

17.03.2022






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