Automatisierte Sport-Übertragungen
Szene aus Spiel einer Fußball-Oberliga (Foto: GES-Sportfoto/Oliver Hurst/augenklick)

Noch weniger Aufwand, noch mehr Ertrag

Telekom/MagentaTV und Sporttotal wollen ihre Zusammenarbeit intensivieren – und mit einer neuen, verbesserten Technik über den Fußball hinaus expandieren. Stefan Freye analysiert, was an den Plänen dran ist.

Die Rede war von einer „bestmöglichen“ Technologie und einem „idealen Partner“. Die Worte stammten von Michael Schuld. Er hat sie getätigt als TV-Chef der Deutschen Telekom, und sie bezogen sich auf den Ausbau der Zusammenarbeit seines Hauses mit der Sporttotal AG. Das Problem der Mitte Februar verbreiteten Pressemitteilung: Schuld ist nicht mehr TV-Chef der Telekom, er schloss sich zum April der Fachmarktkette MediaMarkt an.

Es kann offenbar schnell gehen in diesem Business. Die Partnerschaft zwischen Telekom und Sporttotal bleibt davon unberührt, oder wie es aus Kreisen des Telekommunikationsunternehmens heißt: Die Kooperation besteht zwischen Telekom und Sporttotal – sie ist nicht von einzelnen Personen abhängig.

Zukünftig möchte man die Zusammenarbeit also intensivieren. Dazu wurde Forty10 gegründet, als Tochter der Sporttotal AG. Sie wiederum nennt sich nun „Medienhaus für die Bewegtbildproduktionen im Auftrag von MagentaTV“, die als Tochter der Telekom im Streaming-Markt aktiv ist (Foto Forty10-COO Sebastian Egelhoff: Sporttotal).

Das klingt alles ein wenig kompliziert, ist es aber eigentlich nicht. Es geht schlicht darum, dass sich Magenta in den kommenden Jahren einer Technologie bedienen möchte, die Sporttotal in jüngster Vergangenheit in den Markt eingeführt hatte. Es geht um Künstliche Intelligenz (KI).

Denn Sporttotal ist kein Neuling. Das vormals als Wige Media tätige Unternehmen ist seit 2000 an der Börse notiert und macht vor allem seit 2016 bundesweit auf sich aufmerksam. In diesem Jahr stattete Sporttotal die interessierten Amateurfußball-Vereine der Republik mit Kameras aus, die vollautomatisch dem Ball folgen – mithilfe von KI.

Die Technik stammte vom israelischen Grenzschutz, und sie erlaubt eine Liveübertragung von Spielen aller Ligen ganz ohne Personaleinsatz. Bereits in den Anfangsjahren zählte die Telekom zu den Partnern des Streamingdienstes Sporttotal. Das Unternehmen lieferte die Netze für die Übertragungen. Ein weiterer Partner ist der Deutsche Fußball-Bund, über dessen Portal fussball.de die Amateurspiele empfangbar sind.

In Zukunft nicht mehr abhängig von einem Dienstleister

„Wir haben in den letzten Jahren immer mehr selbst kreiert“, sagt Thomas Kuhlewind. Er ist „Head of Club Management“ bei Sporttotal, also verantwortlich für die Verbindung des Unternehmens zu den Vereinen. Mit der Entwicklung einer eigenen Software ist man hinsichtlich der Bildführung nicht mehr abhängig von einem Dienstleister.

Nun kamen die neuen Kameras von der Telekom noch dazu. Sie bilden die Kooperation im Rahmen von Forty10 mit ihrer Zweifarbigkeit ab: Das Weiß steht für Sporttotal und enthält auch das Logo des Medienhauses, während das bekannte Magenta natürlich die Telekom repräsentiert.

Diese Kameras erfordern einen zentralen Platz nahe der Mittellinie, mindestens vier Meter hoch und vier Meter vom Spielfeld entfernt. Die Software ist so programmiert, dass grundsätzlich dem Ball gefolgt wird, das Spielgerät also immer im Mittelpunkt steht. Daneben findet aber auch das „Schwarmverhalten“ der Spieler (etwa bei Eckstößen) eine Berücksichtigung (Kamera-Foto: Sporttotal).

Nun heißt es, Forty10 werde die Bewegtbild-Produktion für MagentaTV mithilfe KI-basierter Kameraführung schrittweise auf Remote-Produktion umstellen und Produktionsprozesse automatisieren.

Übersetzt ließe sich formulieren: Mit möglichst wenig Aufwand – in diesem Fall automatisierten Kameras – möglichst viel Ertrag erzielen. Es lässt sich ziemlich viel Geld sparen, wenn statt einer ganzen Crew lediglich ein, zwei oder drei der sogenannten Panocams die Bilder von einem Sportereignis liefern.

Was das konkret bedeutet, lässt sich derzeit wohl nur erahnen. Für Sporttotal-Manager Kuhlewind sind der Arbeit mit KI keine Grenzen gesetzt. Er hält es zumindest für denkbar, dass Forty10 mithilfe der automatisierten Kameras demnächst auch in den großen, von Magenta angebotenen Ligen aktiv ist. „Wieso nicht?“, sagt er.

„Du kannst nicht auf die Menschen verzichten“

Die Übertragungen der Spiele der Deutschen Eishockey Liga, der Basketball-Bundesliga oder der 3. Liga im Fußball würden dann womöglich ganz ohne Personal vor Ort auskommen. Ein Insider hat allerdings Zweifel an einer erfolgreichen Umsetzung des Konzepts im bezahlten Streaming-Geschäft. Dort müsse der Sport notwendigerweise „inszeniert“ werden.

Es ginge deshalb immer auch um Emotionen, ebenso um das Geschehen außerhalb des Spielfelds. Ohne eine größere Anzahl geführter Kameras wäre dies unmöglich zu gewährleisten – jedenfalls nicht bei schnellen Ballsportarten. „Dort kannst du nicht auf die Menschen verzichten, die die Technik vor Ort bedienen“, glaubt der Experte.

Der Erfolg im Amateursport ist dagegen abhängig von der Akzeptanz der Sportvereine. Nach wie vor sollen die Kameras an sich kostenfrei sein. Bislang wurde für ihre Nutzung lediglich ein Betrag von monatlich 9,95 Euro fällig. So günstig wird es nicht bleiben. Die neue Kamera wird in zwei Modellen angeboten: Für die Übertragung der eigenen Spiele, einem Support und der 5G-Nutzung ist ein Betrag von 69,90 Euro im Monat vorgesehen. Sollen daneben „ausgewählte Trainingseinheiten“ aufgezeichnet werden, belaufen sich die Kosten auf monatlich 119,96 Euro (Hockey-Foto: sampics photographie/augenklick).

„Wir müssen Überzeugungsarbeit leisten“, sagt Kuhlewind. Er verweist dabei auf die Qualität der neuen Kameras, ihre Fähigkeit zur 5G-Übertragung, einen nachhaltigen Support und die leichtere Handhabung: Neben der eigentlichen Linse vereinen die Geräte einen Rechner und einen Router. Eine bisweilen umständliche Verkabelung sei deshalb nicht mehr notwendig.

Ob Sporttotal seine Erfolgsstory unter den veränderten Umständen fortsetzen wird? Exakt 721 Kameras hat das Unternehmen bislang auf deutschen Fußballplätzen installiert, rund zwei Drittel der Regional- und Oberligisten sind Partner des Unternehmens. Sie besitzen laufende Verträge, sind also nicht sofort zur Umstellung auf die Panocams gezwungen.

Daneben finden derzeit diverse Probeläufe in Tennis, Hockey und Eishockey mit der modernen Kamera statt. Sie gelten als vielversprechend. Sporttotal möchte sich breit aufstellen – und taucht mit seiner Tochter Forty10 vielleicht schon bald auch in der Spitze auf.

Stefan Freye ist 2. Vorsitzender des Vereins Bremer Sportjournalisten. Er arbeitet als Freelancer von der Hansestadt aus. Hier geht es zu Freyes LinkedIn-Account.

28.04.2022






« zurück