Frauenfußball in den Medien
Wolfsburger Fußballtorhüterin Almuth Schult (Foto: GES-Sportfoto/Edith Geuppert/augenklick)

Luft nach oben

Die Weltrekordkulisse beim Champions-League-Duell zwischen Barcelona und Wolfsburg hat bewiesen: Es tut sich etwas im Frauenfußball. Nach Meinung einiger Expertinnen und Wegbegleiter aber nicht genug.

Von Stefan Freye

Dieses Stadion hat wahrlich eine ganze Menge erlebt. Das Camp Nou gilt schließlich als größte Arena Europas, und es ist die sportliche Heimat des FC Barcelona, einem Fußballklub, der das Prädikat „Weltverein“ verdient. Was sich aber in den vergangenen Wochen im Camp Nou abspielte, war gänzlich neu: 91.648 Zuschauer besuchten das Champions-League-Halbfinale zwischen Barça und dem VfL Wolfsburg. Das waren noch einmal rund 100 Menschen mehr als „el Clásico“ – also Barcelona gegen Real Madrid – einige Wochen zuvor gesehen hatten. Und dabei ging es um Frauenfußball, um einen Sport also, der ja noch immer nicht unbedingt als Publikumsmagnet gilt.

„Ohne Worte – wie viele Menschen gejubelt haben, wenn Frauen Tore schießen“, staunt Sabine Mammitzsch, seit dem 11. März DFB-Vizepräsidentin für Frauen- und Mädchenfußball. Am Spiel in Barcelona hatte Mammitzsch allenfalls das Ergebnis auszusetzen (der VfL verlor 1:5), ansonsten verlief der Abend ganz nach dem Geschmack der neuen Spitzenfunktionärin. „Es passiert was“, stellt sie zufrieden fest (Mammitzsch-Foto: DFB).
 
Wer sich mit dem Frauenfußball beschäftigt und dessen Zukunft im Blick hat, war angetan von diesem Spiel. „Es ist für den Stellenwert und die Wahrnehmung ein unfassbarer Effekt“, findet etwa Jana Lange. Sie kümmert sich beim SID bereits seit 2009 um den Frauenfußball und macht eine ziemlich beeindruckende Entwicklung aus. „Im internationalen Fußball geht es immer öfter um Dimensionen, von denen man früher nur träumen konnte“, sagt Lange.

Auch Gunnar Meggers, Frauenfußball-Experte beim kicker, findet, die TV-Präsenz der großen Spiele habe sich „deutlich verbessert“. Es gehe nun darum, den Effekt des internationalen Wettbewerbs auf der nationalen Ebene zu nutzen. Denn darin sind sich die Beteiligten nahezu einig: Der Frauenfußball in Deutschland hat an Präsenz gewonnen in den vergangenen Jahren. „Aber alle wünschen sich, dass die Bundesliga im internationalen Vergleich sichtbarer wird“, sagt Lange.

„Es geht nichts über verlässliche und hochwertige Übertragung“
 
Es gibt positive Ansätze. Etwa das Live-Spiel auf Eurosport am Freitagabend oder das Angebot von MagentaSport, das die Spiele der Frauenbundesliga in der laufenden Saison erstmals umfassend ins Live-Streaming aufgenommen hat. „Es geht nichts über verlässliche und hochwertige Übertragung“, findet Lange. In Qualität und Quantität seien die Champions-League-Produktionen von DAZN auch für die Bundesliga „wegweisend“. Das ist eine leise Kritik. Aber womöglich steht der Frauenfußball angesichts der regelmäßigen Übertragungen hinsichtlich seiner Bildschirmpräsenz noch ganz gut da.

Mammitzsch hat jedenfalls gerade erst eine recht unangenehme Erfahrung gemacht. „In einer überregionalen Tageszeitung erschien eine kleine Meldung vom Länderspiel zwischen Deutschland und Portugal unter den Kinder-Nachrichten“, erzählt sie.

Die Vizepräsidentin sieht darin ein weiteres deutliches Zeichen für die überschaubare Präsenz des Frauenfußballs in den schreibenden Medien. Dabei habe das Interesse ganz allgemein doch zugenommen, berichtet Lange. „Die redaktionelle Nachfrage nach Inhalten, also Texten und Videos, ist merklich gestiegen“, sagt die SID-Fachfrau (Lange-Foto: SID).

Sie hat allerdings ein anderes Problem ausgemacht: die strenge Verknüpfung von öffentlichem Interesse mit den Zuschauerzahlen. Vor der Pandemie hatten im Durchschnitt rund 830 Menschen ein Bundesliga-Spiel verfolgt. Das ist nicht übermäßig beeindruckend und auch weniger als rund um die Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland, als die Liga die Marke von 1000 Zuschauern noch geknackt hatte. „Aber daraus ein mangelndes Potenzial abzuleiten ist eindimensional und eine veraltete Wahrnehmung“, findet Lange. Auch angesichts der Bedeutung der Sozialen Medien müsse neu gedacht werden, könnten heute doch „ganz andere Zielgruppen“ als das übliche Fußballpublikum erreicht werden.

„Manche machen schon auf Social Media nicht genug“
 
Damit sind auch die Vereine angesprochen. Sie nutzen ihre Kanäle mittlerweile für eine ganz eigene Öffentlichkeitsarbeit. Das klappt mal mehr, mal weniger gut. „Manche machen schon auf Social Media nicht genug“, findet Lange. Auch kicker-Reporter Meggers macht ein Gefälle aus: „Insgesamt sollten die Vereine mehr in die Öffentlichkeitsarbeit investieren, denn sie haben ein tolles Produkt, und wer mehr Öffentlichkeit will, muss auch mehr tun.“ An der Bereitschaft der Fußballerinnen mangelt es offenbar nicht. „Sie sind immer kooperativ“, sagt Meggers. Auch Lange berichtet von „überwiegend sehr guten Erfahrungen“.
 
Allgemein in der Kritik stehen dagegen die Anstoßzeiten der Länderspiele. Ausgerechnet die internationalen Partien der Nationalmannschaft, also ein ganz zentraler Aspekt in der öffentlichen Wahrnehmung des Frauenfußballs, werden überwiegend am Nachmittag ausgetragen – wie es heißt, auf Wunsch öffentlich-rechtlicher Sender, die mit den Duellen der deutschen Kickerinnen keine allzu hohen Quoten verbinden (Meggers-Foto: kicker).

„Diese Anstoßzeiten sind sehr unglücklich“, findet Meggers. Lange meint, bei Länderspielen am Wochenende wären die Frauen doch bereits auf „ordentliche Quoten“ gekommen. Sie erinnert in diesem Zusammenhang an den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: „Vielleicht ist es grundsätzlich mal an der Zeit, mehr Frauensport zu übertragen.“

Das wäre ganz im Sinne von DFB-Funktionärin Mammitzsch. Was die Länderspiele am Nachmittag betrifft, sieht die Vizepräsidentin jedenfalls „Handlungsbedarf“. Sie würde es zudem begrüßen, wenn „der Frauenfußball mehr als zwei Minuten in der ‚Sportschau‘ bekommt“. Eines ist Mammitzsch klar: Auch der DFB ist aufgerufen, die Entwicklung aktiv zu begleiten und so für mehr Sichtbarkeit des Frauenfußballs zu sorgen. Sie sagt: „Wir werden andere Akzente setzen.“

Mammitzsch hat dabei die Vermarktung der Bundesliga im Auge, möchte aber auch den Mädchenfußball stärken und auf diese Weise für Nachwuchs sorgen. Sie wertet es als gutes Zeichen, dass sich Sky gerade die Rechte an den Spielen des DFB-Pokals der Frauen zwischen 2022 und 2026 gesichert hat: „Das ist ein weiterer Schritt.“

Stefan Freye ist 2. Vorsitzender des Vereins Bremer Sportjournalisten. Er arbeitet als Freelancer von der Hansestadt aus. Hier geht es zu Freyes LinkedIn-Account.

22.06.2022






« zurück