Doping und die Uni Freiburg

Der große Kampf der „kleinen“ Badischen

„Wir wissen maximal zehn Prozent.“ Wie sich eine Regionalzeitung seit Jahren entschlossen an der Aufklärung der großen deutschen Dopingskandale beteiligt.

Von Christoph Ruf

Die Badische Zeitung aus Freiburg mit ihren etwa 130.000 Abonnenten fühlt sich bis heute dem Erbe des ehemaligen Verlegers Ralf Dahrendorf (1929 bis 2009) verpflichtet. Eine weltoffene Haltung prägt das Blatt. Und die Lust an der Debatte.

Zusammen mit dem ebenfalls zur Badischen gehörenden Regionalfußball-Portal FuPa und der Online-Sportredaktion unterhält der Sportteil seit 2014 einen eigenen Newsdesk, erläutert Ressortleiter Michael Dörfler. Insgesamt erstellen fünf Hauptsport- und acht Regionalsportredakteure sechs Ausgaben der Tageszeitung und steuern den Sportteil der Sonntagszeitung bei. „7 Tage, 24 Stunden“, scherzt Dörfler.

Zu gerne hätte er, der Radsport-Experte, das Thema „Doping“ damals selbst angefasst. Doch da Dörfler zu viele der Protagonisten seit Jahren kannte, erklärte er sich in einem Gespräch mit der Chefredaktion für befangen. Gemeinsam beschloss man, stattdessen Andreas Strepenick in die Spur zu schicken. „Sehr fleißig“ sei der Kollege, der vieles noch nach Feierabend weiterrecherchiert habe. Anders wäre das, was er zutage gebracht habe, wohl auch nicht möglich gewesen, sagt Dörfler.

„Für uns war Kritik an der Sportmedizin der Freiburger Uni nicht erwünscht“

Seit 1997, als er als junger Redakteur erstmals mit dem Thema „Doping“ in Berührung kam, hat sich Strepenick einen Ruf als Experte und hartnäckiger Rechercheur erarbeitet. Dabei hat der heute 49-Jährige am eigenen Leib erfahren müssen, dass eine fachlich unantastbare Arbeit vor Ort ganz andere Reaktionen hervorrufen kann als in den entfernten Medienmetropolen. „Für uns war Kritik an der Sportmedizin der Freiburger Uni nicht erwünscht und nur sehr eingeschränkt möglich“, sagt Strepenick, „man musste von der Sportmedizin immer als Leuchtturm dieser Stadt sprechen. Das war jahrzehntelang gepflegte Praxis.“

Die Eliten der Region Südbaden, ob Staatsanwalt, Erzbischof, Kommunal- oder Landespolitiker, von denen viele Armin Klümpers Privatpatienten waren, schienen eine ziemlich klare Meinung zum Arzt ihres Vertrauens zu haben. Und die sollte doch bitte nicht erschüttert werden. „Klümper genoss zu seinen Hochzeiten Heiligenstatus, er hat ja auch tatsächlich vielen Menschen geholfen“, sagt Strepenick heute und zitiert ein geflügeltes Wort: „Läufst du wie ein Stümper, musst du zu Klümper.“

Als die Risse im Lack immer deutlicher zutage traten, wurden sie zunächst nur in überregionalen Medien thematisiert. „Die waren immer schneller. Wenn die BZ versucht hat, etwas herauszufinden, wurde immer wieder Druck ausgeübt“, sagt Strepenick. Auch dann noch, als längst bewiesen war, dass nicht nur Klümper, sondern auch dessen Kollege Josef Keul mit dem Wissen großer Teile der Fakultät die seit 1977 in Deutschland verbotenen Anabolika eingesetzt hatten, vor allem bei Radsportlern. „Wenn du so weitermachst, wirst du einen ganz langsamen Tod sterben“, habe ihm ein Sportfunktionär damals gesagt, so Strepenick. Andere riefen gleich beim Chefredakteur an: Der möge dem frechen Schreiberling doch endlich mal das Handwerk legen.

„Dem Druck nachzugeben stand aber sowieso nie zur Debatte“

„Die Chefredaktion hat diesem Druck immer standgehalten“, sagt Strepenick, „was ich diesem Haus verdanke, ist, dass es mir die Freiheit gegeben hat zu recherchieren. Insbesondere Chefredakteur Thomas Hauser hat sich immer vor die Sportredaktion gestellt.“ Vor Strepenick und die Kollegen Andreas Frey und Georg Gulde, mit denen er oft zusammenarbeitete. Und vor Sportchef Dörfler, der fand, dass nicht nur das Berufsethos zum Weitermachen verpflichtete. „Ich bin überzeugt, dass man so ein Thema als Regionalzeitung gar nicht ignorieren kann, wenn ganz Deutschland über Freiburg spricht. Dem Druck nachzugeben stand aber sowieso nie zur Debatte.“

Auch nicht infolge der Ereignisse vom 30. April 2007, dem Tag, den Strepenick als „D-Day für Freiburg“ in Erinnerung hat. Damals veröffentlichte der Spiegel eine 17-seitige Geschichte über das systematische Doping bei Team Telekom. Alle überregionalen Medien folgten, die Tagesschau berichtete. Und Strepenick? Er recherchierte weiter, als die Großen mal ein Päuschen einlegten. „Das Konstrukt geriet ins Wanken“, bilanziert er, „aber es ist nicht eingestürzt, es steht noch heute.“ Weiterhin können weder Journalisten noch Wissenschaftler den Eindruck haben, dass die Universität Freiburg die Aufklärung konsequent unterstützt.

Das hat zuletzt auch Letizia Paoli beklagt, die von der Uni Leuven nach Freiburg beordert wurde, um die Sportmedizin auf ihre Verstrickungen hin zu durchleuchten. Strepenick nennt sie „einen Glücksfall für diese Stadt“ und wagt zum Abschied eine Prognose: „Es müssen Millimeter für Millimeter in hartem journalistischen Kampf abgetragen werden. Wir wissen maximal zehn Prozent.“

04.12.2015






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