NOZ-Urgestein Harald Pistorius

„Es kann auch mal knirschen“

02.11.2022

Die Neue Osnabrücker Zeitung und Harald Pistorius – es ist hierzulande eine der stabilsten Beziehungen im Sportjournalismus. Mit sj-Autorin Katrin Freiburghaus sprach er über regionale Tageszeitungen, einen Bruder als Minister und die Kontrollwut von Vereinen.

 

Harald Pistorius, Jahrgang 1956, begann 1978 als freier Mitarbeiter bei der Neuen Osnabrücker Zeitung, wo er seit 1979 beschäftigt ist – bis 1998 als Sportredakteur, danach als Chef vom Dienst und seit 2003 als Ressortleiter Sport. Mit dem Eintritt in die Rente am 1. Mai gab er die Leitung des Ressorts an Susanne Fetter ab, wird aber als Sportredakteur weiterarbeiten. Pistorius war viele Jahre Vorsitzender des Vereins Osnabrücker Sportpresse, auch an der Spitze des VOS folgte ihm Fetter bereits nach.

sportjournalist: Herr Pistorius, 44 Jahre Berufsleben ohne Redaktionswechsel sind nicht die Regel.

Harald Pistorius: Stimmt. Es hat deshalb auch immer so einen komischen Beigeschmack. Die meisten Leute fragen mich, ob ich denn nie weggehen wollte, auch im Sinne von: Warst du nicht gut genug für was anderes? Ich habe mich bei der NOZ aber immer wohlgefühlt und mich mit der Zeitung und der Region identifiziert. Wir hatten und haben immer sehr viele Möglichkeiten bekommen, uns journalistisch auszutoben – bei Großereignissen und in der Region. Die lokale und regionale Berichterstattung hat neben dem überregionalen Profil im Haus eine hohe Bedeutung. Das hat mit der Entstehungsgeschichte der NOZ zu tun, die 1967 aus zwei konkurrierenden Blättern entstanden ist. Um dem Vorwurf entgegenzutreten, ohne Wettbewerb würde sich niemand mehr anstrengen, waren die Ansprüche an die journalistische Qualität besonders hoch. Wir haben eingetrichtert bekommen, so zu arbeiten, als hätten wir Konkurrenz.

sj: Um überregionale Ereignisse selbst besetzen zu können, kooperieren in der G14 regionale Sportredaktionen miteinander. Das ist nicht überall unumstritten.

Pistorius: Die Kooperation ist eines von ganz wenigen Projekten dieser Art, die überhaupt funktionieren, seit 17 Jahren übrigens. Der Zusammenschluss entstand 2005 als Projekt für die WM 2006, wurde dann aufgrund des Erfolgs zu einer Dauereinrichtung. Die Initiative, die Christoph Fischer und ich damals angestoßen haben, läuft ausschließlich auf der Arbeitsebene der Sportredaktionen ab und beschränkt sich nicht auf Großereignisse. Da arbeiten wir wie eine Mini-Agentur, indem wir immer überall jemanden vor Ort haben – für jede Zeitung allein wäre das nicht zu leisten. Ich verstehe Freie, die einwenden, dass da stattdessen ihre Texte stehen könnten. Man muss aber auch festhalten, dass wir bei der NOZ seitdem nicht weniger, sondern eher mehr Texte von Freien drucken (Logo: NOZ).

sj: In den vergangenen vier Jahrzehnten hat sich in der Sportberichterstattung viel getan, was Kollegen den Spaß am Ressort genommen hat. Was motiviert Sie, zu bleiben?

Pistorius: Ich will abtrainieren. Ich konnte mir nicht vorstellen, von einem Tag auf den anderen aufzuhören, der Beruf macht mir noch genauso viel Freude wie früher. Und vielleicht will ich unter der Redaktionsleitung meiner Nachfolgerin Susanne Fetter auch noch mal dahin zurück, wo alles angefangen hat – als meine Motivation war, das, was ich nur aus der Entfernung kannte, aus der Nähe zu sehen und darüber zu schreiben. Ich gewichte das nicht nach der Relevanz eines Ereignisses. Wenn es demnächst am Wochenende niemanden für die Landesliga gibt, werde ich das gerne übernehmen. Die schönsten Momente sind, wenn Menschen wirklich etwas von sich und ihrem Sport erzählen wollen. Das hat sich nicht verändert, das macht immer noch Spaß.

sj: Viele andere Dinge haben sich dramatisch verändert, allem voran der ungefilterte Zugang zu Informationen.

Pistorius: In den meisten Sportarten ist das kein Problem, aber der allmächtige Profifußball ist da ganz klar eine Welt für sich. Es gibt so viele sympathische, fachkundige und hilfsbereite Kollegen in den Pressestellen, sie machen einen guten Job. Aber wenn sie überwiegend die Aufgabe haben, die berühmte Kommunikationshoheit der Vereine zu sichern und sich mehr um die Berichterstattung über den eigenen Klub zu kümmern als darum, dass wir unabhängig arbeiten können, kann es auch mal knirschen. Wir haben es hier vergleichsweise leicht, gegenzusteuern; es ist die 3. Liga und eine überschaubare Medienlandschaft. Aber es bleibt ein grundlegendes Problem der Branche, weil die Vereine damit die Möglichkeit von Medienschaffenden einschränken, sich mit guter, sauberer Arbeit einen Namen zu machen und authentisch zu berichten.

sj: Inwiefern?

Pistorius: Weil wir zunehmend der Chance beraubt werden, ungefiltert zu berichten. Zitate werden kontrolliert, der direkte Kontakt zu Spielern beschränkt, und hinter den vereinseigenen Medien stehen Journalisten zurück, die bei jedem Freundschaftsspiel vor Ort sind, sich Wissen, Kontakte und Vertrauen aufgebaut haben, davon aber nicht mehr profitieren, weil sie in einem starren System eingeengt sind. Einfach mal ein bisschen Leine lassen und auch mal einen Konflikt aushalten – das wäre schön (Foto Spielszene 1860 München gegen VfL Osnabrück: sampics Photographie/augenklick).

sj: Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Pistorius: Da ruft man Leute an, die man seit Jahren kennt, und dann sagen die, man müsse zuerst die Pressestelle anrufen und dort anfragen. Was soll ich denn da machen? Auflegen und die Pressestelle anrufen? Damit die dann den Trainer anruft, mit dem ich gerade spreche, um ihn zu fragen, ob er mit mir sprechen will?

sj: Ist das nur für Betroffene ärgerlich, oder auch schlecht für das Produkt?

Pistorius: Beides. Es führt zwangsläufig zu einem Verlust an Authentizität. Wenn selbst Drittligisten verlangen, dass wir Zitate von Spielern einreichen oder Berater ein Interview ihres Klienten vorher lesen wollen, ist die Grenze überschritten. Natürlich hat der Gesprächspartner das Recht, nach einem langen Gespräch das gestaltete Interview zu lesen und Änderungen vorzuschlagen. Aber Autorisierung heißt nicht, dass der Interviewte oder gar die Pressestelle Änderungen anweisen kann. Das muss, sagen wir mal, Verhandlungssache sein. Das ist aus meiner Sicht die größte Gefahr für einen unabhängigen und damit guten Sportjournalismus. Wir bekommen zu aktuellen Themen auch sehr schnell vorgefertigte Statements aus den Pressestellen, was die Arbeit aber nicht erleichtert.

sj: Warum nicht?

Pistorius: Diese Statements sind zum einen dadurch entwertet, dass sie einen Mangel an Authentizität haben, und zum anderen dadurch, dass sie schon auf der Vereinswebsite stehen, bevor wir sie bekommen. Wenn wir die unverändert veröffentlichen, würden wir uns dem Kommunikationsplan der Vereine fügen. Wir dürfen nicht damit zufrieden sein, ein Umschlagplatz für vorgefertigte Stellungnahmen zu sein. Wir müssen mit den Protagonisten selbst reden und Nachfragen stellen können. Notfalls müssen wir uns überlegen, welche anderen Themen wir stattdessen besetzen können, die die Vereine nicht selbst bearbeiten. Und dann wird es halt schwierig – oder konfrontativ.

sj: Trauern Sie den Zeiten nach, als man im Quartier der Nationalmannschaft noch Spieler treffen und ohne Termin ein kurzes Gespräch führen konnte?

Pistorius: Das bringt ja nichts. Alles hat seine Zeit. Der Sport hat sich verändert, der Journalismus – darin liegt eine gewisse Zwangsläufigkeit, die sich nicht stoppen lässt. Wenn man in das Rad greift, klemmt man sich die Finger. Man muss innerhalb der Möglichkeiten, die es noch gibt, versuchen, die Kontakte zu erhalten, die sich knüpfen lassen, um immer wieder zu zeigen: Journalismus ist nicht gut, wenn er besonders streng kontrolliert wird, sondern wenn man ihm Einblicke gewährt. Das führt zu beiderseitigem Verständnis und nützt am Ende allen. Diese Nähe zu suchen lohnt sich meiner Meinung nach unverändert (Foto: GES-Sportfoto/Markus Gilliar/augenklick).

sj: Nähe ist im Journalismus kein einseitig positiv besetzter Begriff. Wann ist nah zu nah?

Pistorius: Wer die Gefahr einer Nähe leugnet, belügt sich selbst. Dieser Gefahr muss man sich gerade als junger Kollege immer bewusst sein und mit ihr umzugehen lernen. Das ist nicht leicht, und man macht Fehler. Ist mir auch passiert mit einem Trainer, bei dem die gedankliche Nähe zu groß wurde – da muss man dann ehrlich mit sich selbst sein, die Konsequenzen ziehen und es jüngeren Kollegen als warnendes Beispiel erzählen.  

sj: Ihr Bruder ist Innenminister von Niedersachsen und damit auch für den Sport zuständig. Klingt nach einem handfesten Interessenkonflikt.

Pistorius: Dafür gilt dasselbe wie bei der inhaltlichen Nähe: So etwas spricht man im Team am besten offen an und man gibt sich selbst klare Regeln. Ich konnte mich ja schlecht in die Kulturredaktion versetzen lassen, weil mein Bruder Oberbürgermeister und dann Innenminister geworden ist. Er gibt bei uns Interviews zu Fanthemen, zu Sicherheit im Fußball und allgemeinen Sportthemen – aber eben nicht mir. Ich vereinbare diese Themen und Termine nicht und nehme nicht daran teil, das machen meine Kollegen. Wir haben eine klare Vereinbarung, worüber wir privat als Brüder nicht sprechen, und das funktioniert.

Katrin Freiburghaus arbeitet von München aus als Freelancerin, unter anderem für Süddeutsche Zeitung und SID. Hier geht es zu ihrem Xing-Profil.