Umsteiger Fatih Demireli

„Gala ist wie Schalke, Dortmund und Bayern gleichzeitig“

01.08.2023

Fatih Demireli, 40, volontierte 2010 bei bundesliga.de. Anschließend wechselte er zu spox.com. Parallel war er in der Türkei als TV-Experte und als Kolumnist für verschiedene Printmedien tätig. Er schrieb für das türkische Sportmagazin Socrates und war von 2017 bis 2021 Herausgeber und Chefredakteur des deutschen Ablegers. 2022 wechselte er als Director of Research and Development zum türkischen Fußballrekordmeister Galatasaray. Was sich dadurch für ihn verändert hat, schildert er sj-Autorin Katrin Freiburghaus.

 

sportjournalist: Herr Demireli, Sie haben neben den beruflichen Seiten gleich auch noch den Wohnort gewechselt...

Fatih Demireli: (lacht) ...und ein bisschen mein Leben.

sj: Inwiefern?

Demireli: Meine Frau und ich sind nach Istanbul gezogen, und es ist definitiv einen 24/7-Job, weil manche Sachen schnell gehen müssen. So viel wie jetzt habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht telefoniert, und dass ich das sogar in meiner einen Woche Urlaub mache, musste ich meiner Frau erst mal erklären. Es ist anstrengend, aber auch ein Lebenstraum.

sj: Wie schwer ist es Ihnen gefallen, Ihre journalistische Unabhängigkeit aufzugeben?

Demireli: Das war keine Entscheidung von einem Tag auf den anderen. Ich war in der Türkei als Journalist präsent und schon eine Weile der Typ, den man anrief, wenn man etwas über Strukturen im deutschen Sport wissen wollte. Man muss wissen, dass der deutsche Sport in der Türkei hohes Ansehen genießt. Ich habe aber immer sehr drauf geachtet, journalistische Distanz zu wahren. Wenn mich Klubs etwas gefragt haben, habe ich konzeptionell geantwortet. Bei Gala kam irgendwann ein Punkt, ab dem die Fragen so spezifisch wurden, dass ich sie mit meiner Rolle als Journalist in Deutschland nicht mehr vereinbaren konnte. Dann kam das offizielle Angebot.

sj: Würden Sie den Vergleich gelten lassen, dass Sie jetzt beim FC Bayern der Türkei arbeiten?

Demireli: Es ist krasser. Eher wie Schalke, Dortmund und Bayern gleichzeitig. Die Medienlandschaft hier ist eine ganz andere und ein Klub wie Galatasaray ohne Übertreibung Lebensmittelpunkt vieler Fans. Die Emotionalität ist gewaltig, das erhöht die Verantwortung, die mit der Arbeit hier verbunden ist, immens. Für mich persönlich ist der Klub eine Herzensangelegenheit. Mein Papa war großer Gala-Fan. Wir hatten in München Anfang der 90er keine TV-Bilder vom türkischen Fußball. Mein Papa saß dann vor so einem kleinen Funkradio und hat die Spiele gehört. Und wenn sich Papa gefreut hat, habe ich mich auch gefreut. Dann hat er mich mit ins Stadion genommen. (Foto Fatih Demireli, rechts: privat)

sj: Sie sind bereits als Journalist zwischen Deutschland und der Türkei gependelt und waren für das jeweils andere Land Experte. Ist überhaupt etwas neu?

Demireli: Alles! Als Journalist wusste ich immer ungefähr, was bei einem Termin auf mich zukommt. Hier geht gerade alles wahnsinnig schnell, und ich komme oft kaum hinterher. Zehn Minuten nachdem ich unterschrieben hatte, saß ich schon im Mannschaftsbus zum Auswärtsspiel mit Spielern, von denen ich früher gern eine Unterschrift gehabt hätte.

sj: Wie äußert sich das im Arbeitsalltag?

Demireli: Vor dem ersten Transfer, den ich federführend begleitet habe, wurde ich am Mittwochabend angerufen, am Donnerstag saß ich im Flieger, am Freitag in Italien mit dem Klub zusammen. Und ich hatte kein "Was ist Was"-Buch darüber in der Tasche, wie man einen Vertrag aushandelt. Es ist nicht schlecht gelaufen, ich konnte den Spieler gleich mitnehmen. Aber ich musste zwischendurch viel telefonieren, um mich abzusichern. Als Journalist habe ich auch Mitarbeiter eingestellt, aber da ging es um völlig andere Summen.

sj: Ihre Hauptaufgabe ist momentan aber die Entwicklung eines Nachwuchskonzepts.

Demireli: Das stimmt. Aber ein Fußballklub ist ein dynamisches Gebilde, erst recht, wenn er so groß ist. Da rutscht man in andere Rollen, die man so nicht erwartet hatte. Das gefällt mir. Das erfüllt mich. Es ist eine Herausforderung, Sachen anzugehen, vor denen ich Respekt habe, weil ich sie nicht kenne.

sj: Ist eine Rückkehr in den Journalismus vorstellbar?

Demireli: Momentan bin ich genau da, wo ich sein will. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann wieder als Journalist arbeiten werde, das wird vermutlich schwierig. Aber wenn ich es tun sollte und noch mal Dinge bewerten müsste, würde ich es anders machen. Seit ich eine Innenansicht habe, hat sich meine Perspektive stark verändert. Ich verstehe jetzt, warum bestimmte Dinge, die ich als Journalist scharf kritisiert habe, so gemacht werden, wie sie gemacht werden. Und ich merke, wie viele Informationen mir oft gefehlt haben, ohne dass ich es wusste.

Katrin Freiburghaus arbeitet von München aus als Freelancerin, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung. Hier geht es zu ihrem Xing-Profil.