Interview zu Machtmissbrauch im Profifußball

„Hier existiert ein System“

01.12.2022

Maike Backhaus und Gabriela Keller recherchieren zu Machtmissbrauch im Profifußball. Im Gespräch mit VDS-Präsidiumsmitglied Thorsten Poppe berichten die beiden CORRECTIV-Kolleginnen, wie ihr Zugang zu diesem heiklen Thema war, welche Hürden sie überwinden mussten und was sie motiviert hat dranzubleiben.

 

Maike Backhaus und Gabriela Keller haben für das investigative Medium CORRECTIV strukturellen Machtmissbrauch im Profifußball enthüllt. Reaktionen seitens der Branche auf ihre Berichterstattung seien bisher ausgeblieben, berichten die beiden Journalistinnen im Gespräch mit VDS-Präsidiumsmitglied Thorsten Poppe.

sportjournalist: Frau Backhaus und Frau Keller, Ende Oktober erschien unter dem Titel „Draußen Held, drinnen Gewalt. Das Schweigen der Spielerfrauen“ Ihre Recherche zu Machtmissbrauch im Profifußball. Wie war Ihr Zugang zu diesem Thema?

Gabriela Keller: Bei mir fing das an mit einer Informantin, die eine starke Geschichte hatte, die aber tatsächlich eine einzelne Geschichte war. Um ein System aufzeigen zu können benötigt man halt mehr als eine Geschichte – und diese Frauen sind irrsinnig schwer zu finden. Das ist der Knackpunkt bei dieser Recherche gewesen, weil diese Frauen zum Beispiel stark eingeschüchtert gewesen sind (Keller-Foto: Jacobia Dahm).

Maike Backhaus: Die Frauen waren oft Opfer von Schmutzkampagnen, haben eigentlich gar kein Vertrauen in die Zusammenarbeit mit Journalist:innen. Es war uns immer ganz wichtig zu sagen: „Eure Geschichte gehört euch zu jedem Zeitpunkt, und ihr könnt euch jederzeit umentscheiden.“ Da ist ja auch ein großes Risiko für alle Betroffenen dabei gewesen, überhaupt einen Weg zu finden, die Geschichten erzählbar zu machen, ohne die Frauen in Lebensgefahr zu bringen.

Besagter Artikel erscheint mit Beginn des Berufungsprozesses gegen den früheren Nationalspieler Jérôme Boateng. Er wird vom Landgericht München wegen Körperverletzung gegen seine ehemalige Lebenspartnerin auch in zweiter Instanz zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig, da die Verteidigung Revision eingelegt hat. Bei einem endgültigen Schuldspruch würde Boateng als vorbestraft gelten.

sportjournalist: Wie sind Sie bei Recherche und Veröffentlichung vorgegangen?

Backhaus: Ein ganz wichtiger Schlüssel für uns ist gewesen, dass wir niemals die Identität der betroffenen Frauen verraten müssen. Allerdings benötigen wir auf der anderen Seite eben eine ganz starke Beleg-Lage. Gerade weil es anonym veröffentlicht worden ist, mussten wir deshalb damit rechnen, dass dieser Punkt stark angezweifelt werden wird.

Keller: Da ist immer so die Grundfrage: Wer hat die Info, und wer hat ein Interesse daran, diese preiszugeben? Und in dem Fall hatten ganz viele Leute die Info, und niemand ein Interesse, diese preiszugeben. Auch die Betroffenen nicht. Das heißt, wir haben tatsächlich so gearbeitet, dass wir uns entlang der Kontakte, die wir hatten, entlanggehangelt haben. Am Ende hatten wir neun Fälle – damit konnten wir herausarbeiten, dass hier durchaus ein System und entsprechende Muster existieren.

Gabriela Keller kümmert sich bei CORRECTIV um Themen wie Parteienfinanzierung, Lobbyismus, fragwürdige Investoren im Bereich erneuerbare Energien und Fehlentwicklungen im Gesundheitswesen. Auch Maike Backhaus (Foto unten: privat) ist nicht originär im Sport zu Hause. Als freie Journalistin berichtete sie zuletzt allerdings schwerpunktmäßig über Männlichkeitsbilder und eben Machtmissbrauch.

sportjournalist: Wie ist die Veröffentlichung bei den betroffenen Frauen angekommen?

Keller: Also das war tatsächlich für viele der Frauen das erste Mal, dass jemand ihre Geschichten angemessen aufbereitet hat. Man hat keine Freakshow daraus gemacht. Die Betroffenen wussten aber auch, dass ihnen nach Veröffentlichung schnell das Motiv Rache vorgeworfen werden kann. Die Rückmeldung war aber durch die Bank positiv, auch von Leser:innen. Es gab schon auch kritische Rückmeldungen, aber das waren ziemlich wenige.

Backhaus: Oft werden ja, wenn solche Geschichten erzählt werden, die Frauen wieder zu Objekten gemacht. Das ist jetzt nicht der Fall gewesen. Viele Frauen haben hinterher über die Geschichte erst verstanden, wie strukturell ihr individuelles Problem ist. Das war etwas, was einem auch noch mal viel über die eigene Geschichte sagen konnte.

Die beiden Investigativ-Journalistinnen berichten, dass ihre Recherche im Sportjournalismus wenig bis gar nicht aufgenommen worden sei. Das SPORTRADIO DEUTSCHLAND hat darüber berichtet, auch der Fußballpodcast Rasenfunk. Viel mehr sei es nicht gewesen. Und auch aus dem Profifußball habe es bis dato keinerlei Reaktion gegeben.

Keller: Die haben sich eher totgestellt und tun es bis heute. Maike hat alle 18 Bundesliga-Vereine und den DFB angeschrieben. Ich habe dann noch die Spielervermittler-Vereinigung angeschrieben, und wir haben alle gebeten, dass sie zu unseren Recherchen Stellung nehmen. Zurück kamen Binsen und Phrasen oder ganz oft auch gar nichts.

Maike Backhaus und Gabriela Keller berichten Mitte November unter dem Titel „Macht, Geld und Gewalt“ auch über Spielerberater im Fußball. Dabei geben die Kolleginnen Einblicke in ein verschlossenes System, in dem Vereinsmanager, Berater und Anwälte Probleme diskret beseitigen.

sportjournalist: Was würden Sie uns nach Ihren Erfahrungen im Themenfeld Sport auf den Weg geben wollen?

Backhaus: Warum ist man sonst Journalist, wenn man nicht solche Geschichten machen will? Weil es darum geht, dass man Missstände aufdeckt und Veränderungen bewirkt. Und das alles steckt ja in unseren dazu veröffentlichten Geschichten drin wie sonst selten. Deshalb sehe ich da überhaupt keinen Grund, warum das im Profifußball nicht genauso möglich sein sollte wie in anderen Ressorts.

Mit Maike Backhaus und Gabriela Keller sprach VDS-Präsidiumsmitglied Thorsten Poppe. Der Freelancer arbeitet von Köln aus. Hier gelangen Sie zu dessen Website.