Inga Hofmann, 28, ist Politikwissenschaftlerin und übernahm im August 2025 die Leitung der Sportredaktion beim Tagesspiegel von ihrem verstorbenen Vorgänger Claus Vetter. Sie schreibt regelmäßig für den ressortübergreifenden "Queerspiegel" der Zeitung und steht außerdem für das Video-Format "Hofmanns Heimspiel" vor der Kamera.
sportjournalist: Frau Hofmann, Sie schreiben schwerpunktmäßig über Sportthemen an der Schnittstelle zu Gesellschaft und Politik. Was halten Sie von der immer wieder hervorgekramten Forderung, Sport von Politik zu trennen?
Inga Hofmann: Völliger Quatsch, das ist unmöglich. Politik findet überall in den Stadien statt. Themen wie
Sexismus, Diskriminierung und Barrierefreiheit sind im Sport relevant, deshalb ist es Politik, sie totschweigen zu wollen. Die Regenbogenbinden verbieten zu wollen, ist zum Beispiel ein politisches Statement. Gerade in Zeiten, in denen viele Verbände und Vereine Narrative über ihre Social-Media-Kanäle mitbestimmen, ist es Aufgabe des Journalismus, diese Geschichten kritisch einzuordnen und nicht einfach unhinterfragt stehen zu lassen. (Foto Inga Hoffmann: Tagesspiegel/Nassim Rad)
sj: Warum ist das Sport-Ressort für Sie der richtige Ort, um diese Themen zu behandeln?
Hofmann: Ich habe meinen Berufswunsch nicht über eine Fan-Sozialisierung entwickelt oder wie viele andere Kolleg*innen selbst Sport an der Grenze zum oder im Leistungssport getrieben. Mein großes Interesse war schon immer Gesellschaftspolitik, und das ist auch meine Perspektive auf den Sport. Ich glaube, dass man im Sport mehr verschiedene Menschengruppen erreicht als in jedem anderen Ressort. Sport ist somit ein guter Kanal, um größere politische Debatten am konkreten Beispiel zu veranschaulichen.
sj: Ist der Sportteil ein Weg, diese Debatten in Lesergruppen zu tragen, die der Politikteil nicht interessiert?
Hofmann: Genau darin liegt eine große Chance. Umgekehrt ist es aber auch eine Herausforderung, mehr Leute, die den Sportteil konsequent überblättern, für Geschichten aus dem Sport zu gewinnen. Man braucht spezifische Berichterstattung über Vereine und Ergebnisse, aber darauf sollte man sich nicht beschränken.
sj: Sportchefinnen sind in der deutschen Medienlandschaft unverändert die Ausnahme, wie fielen die Reaktionen auf Ihre neue Position aus?
Hofmann: Es gab vereinzelt die klassischen Leserbriefe, die sich darüber beklagten, dass es um Quote statt
Qualifikation gegangen sei. In meiner Anfangszeit als Redakteurin waren die Widerstände aber größer, da gab es häufiger beleidigende E-Mails. Auf Social Media geht es in einigen Kommentaren zu "Hofmanns Heimspiel" um mein Aussehen oder meine Aussprache. Es war für mich ein großer Schritt, in diese Verantwortung zu gehen. Ich habe aber aus vielen Richtungen Zuspruch erfahren und hier im Haus sowohl aus dem Team als auch von oben volle Unterstützung. Das ist in einer männerdominierten Branche unverändert wichtig. (Logo Queerspiegel: Tagesspiegel/screenshot vds)
sj: Können Sie das konkretisieren?
Hofmann: Als ich hier angefangen habe, war ich die einzige Frau im Ressort, mittlerweile sind wir zwei von acht Mitarbeitenden. Wenn ich zu Veranstaltungen gehe, bin ich oft die einzige oder eine von sehr wenigen Frauen. Als Redakteurin bei Außenterminen wurde anfangs manchmal angenommen, ich sei die Praktikantin – das ist glaube ich der Klassiker. In diesem Umfeld braucht man als junge Frau immer noch Männer, die einen fördern. Ich hatte das große Glück, dass mein Vorgänger Claus Vetter so jemand war. Er hat mir früh Dinge zugetraut und mich machen lassen. Er hat mir Rückhalt bei Themen gegeben, die vor fünf Jahren noch nicht so verbreitet waren, zum Beispiel trans Personen im Sport. Das war beim Tagesspiegel klar gewollt. Auch wenn sich insgesamt etwas tut, ist das nicht die Regel in allen Redaktionen.
sj: Liegt das auch an der personellen Zusammensetzung, die meist wenig divers ist?
Hofmann: Das ist sicher ein Faktor, weil die Vielfalt an Perspektiven dadurch sehr gering ist. In einigen Redaktionen fehlt noch die Erkenntnis, dass eine Vielfalt an Perspektiven eine Bereicherung und wichtig für eine facettenreiche Berichterstattung ist. Durch wenig Diversität mangelt es an Vorbildern. Geschlecht ist dabei ja nur eines von vielen Merkmalen. Aber wenn wir dabei bleiben: Wenn ich als junge Frau sehe, dass irgendwo nur Männer um die 50 arbeiten, kann das abschrecken, weil ich mich frage, ob und wo ich da überhaupt reinpasse. Ich habe kürzlich eine Praktikumsstelle ausgeschrieben, und einige Bewerberinnen haben explizit angesprochen, dass sie sich durch mich ermutigt gefühlt hätten.
Mit Inga Hofmann sprach Katrin Freiburghaus. Sie arbeitet von München aus als freie Autorin und Künstlerin. Hier geht es zu ihrem Xing-, hier zu ihrem Instagram-Profil.