Umsteiger Patrick Gensing

„Social-Media-Schlachten haben mich zunehmend gelangweilt“

04.10.2022

Früher Tagesschau und Weltpolitik, nun Transfers und Weltpokalsiegerbesieger. Im Interview der sportjournalist-Serie „Einsteiger, Umsteiger, Aussteiger“ berichtet St. Paulis Interims-Medienchef Patrick Gensing, was für ihn das Engagement am Millerntor so reizvoll macht.

 

Patrick Gensing, Jahrgang 1974, volontierte beim Norddeutschen Rundfunk. Dort war er anschließend zunächst als freier, später als fest angestellter Redakteur unter anderem für Panorama, NDR Info, die Tagesschau und als Faktenchecker tätig. Am 1. Juni 2022 übernahm er beim Fußball-Zweitligisten FC St. Pauli die Schwangerschaftsvertretung für Medienchefin Anne Kunze.
 
sportjournalist: Herr Gensing, Faktenchecker stehen immerzu im Gegenwind. War Ihnen das selbst als Hamburger irgendwann zu viel?

Patrick Gensing: Ich habe mich hauptsächlich mit Themen auseinandergesetzt, die das Leben nicht schöner machen: Rechtsextremismus, Rassismus, Desinformation. Es gab auch die üblichen Begleiterscheinungen wie persönliche Attacken per E-Mail, Brief oder Pöbeleien auf Twitter. Aber deshalb bin ich nicht verzagt oder der Meinung, alles würde immer schlimmer. Es gibt große Erfolge bei der Aufklärung gegen Desinformation.
 
sj: Warum sind Sie dann umgestiegen?
 
Gensing: Ich wollte noch mal etwas anderes machen. Meine Kinder brauchen mich nicht mehr so viel, und es war ein Punkt erreicht, an dem ich nicht zum dritten Mal wiederholen wollte, was ich schon mal geschrieben hatte (Foto Jubelnde Spieler des FC St. Pauli: GES-Sportfoto/Marvin Ibo Güngör/augenklick).
 
sj: Mit demselben Argument begründen Kolleg*innen oft, dass sie den Sport verlassen – und mit den Arbeitszeiten natürlich.
 
Gensing: Die Arbeitszeiten sind eine Herausforderung (lacht), aber mit großen Kindern besser machbar als mit kleinen. Ihre Beobachtung stützt meinen Eindruck, dass allgemein mehr Durchlässigkeit sinnvoll wäre. Ich verstehe nicht, warum es so schwierig ist, mal für ein oder zwei Jahre zu wechseln. Man betrachtet Dinge dann aus einem neuen Blickwinkel, das bereichert unglaublich.
 
sj: Was vermissen Sie seit Ihrem Wechsel am wenigsten?
 
Gensing: Twitter. Dass ich mich dort viel weniger aktiv bewegen muss, ist ein Gewinn. Diese Social-Media-Schlachten haben mich zunehmend frustriert und gelangweilt. Man darf eine Stimmung dort ja nicht mit tatsächlichen Stimmungen verwechseln, das ist nicht repräsentativ. Auf Social Media lässt sich Stimmung sehr leicht simulieren. Im Gegensatz zur virtuellen Polarisierung, die dort stattfindet, rede ich jetzt konstruktiv mit realen Personen. Das kann ich sehr empfehlen.
 
sj: Als wie weit entfernt vom Journalismus würden Sie ihre neue Tätigkeit einstufen?
 
Gensing: Wir verstehen unser Team zwar als kleine Redaktion, aber ich bin ein Unternehmenssprecher, das ist eine vollkommen andere Position. Der Vorteil bei St. Pauli ist, dass ich keinen Loyalitätskonflikt habe, weil ich mich diesem Verein sehr verbunden fühle. Ich könnte nicht zu einem Unternehmen wechseln, das ich nicht aus voller Überzeugung vertrete. Hier anzufangen, war aber auch ein Stück weit ein Wechsel in den Aktivismus (Foto Fans des FC St. Pauli am Millerntor: GES-Sportfoto/Marvin Ibo Güngör/augenklick).
 
sj: Inwiefern?
 
Gensing: Bei der Tagesschau habe ich versucht, vom Schreibtisch aus die Welt zu erklären. Hier haben wir einen Mikrokosmos von extrem engagierten Leuten, die super viel auf die Beine stellen. Das ist unmittelbare Arbeit vor Ort. Hier kann man Sachen ändern, ohne eine neutrale Beobachterrolle einhalten zu müssen. Wir sind zwar im Kern ein Profifußballklub, aber auch ein Breitensportverein und ein gesellschaftlicher Akteur in Hamburg. Als solcher haben wir einen politischen Anspruch, den wir in die Fußballverbände tragen wollen, und wir wollen gesellschaftliche Debatten auslösen.
 
sj: Gleichzeitig erfüllen Presseabteilungen eine Gatekeeper-Funktion. Wie gehen Sie damit um, Informationen bewusst nicht zu publizieren?
 
Gensing: Daran musste ich mich gewöhnen. Natürlich haben auch wir um den Profifußball Schutzmechanismen, damit dort ungestört gearbeitet werden kann. Wir versuchen, zu erklären, warum wir etwas tun. Es kommt trotzdem vor, dass man unterschiedlicher Meinung bleibt, aber es gibt dann zumindest eine nüchterne, sachliche Basis dafür.

sj: Und was nach Ihrer Erfahrung auch noch?

Gensing: Was mich erstaunt, sind Geschichten, vor deren Veröffentlichung offensichtlich weder der Verein gefragt noch eine Plausibilitätsprüfung durchgeführt wurde. Aber ich will mich nicht erheben – die Reporter haben Druck, Geschichten zu liefern. Und vielleicht müssen sich Vereine manchmal auch an die eigene Nase fassen. Wenn sie nur sehr dosiert informieren, liegt es als Folgeerscheinung fast auf der Hand, dass spekuliert wird.
 
Mit Patrick Gensing sprach Katrin Freiburghaus. Sie arbeitet von München aus als Freelancerin, unter anderem für Süddeutsche Zeitung und SID. Hier geht es zu ihrem Xing-Profil.