Reporter erleben Geschichten, sie schreiben Geschichten und manchmal wird einer von ihnen selbst zu Geschichten. Wie Hartmut Scherzer, unter den Sportjournalisten eine lebende Legende – und immer gern ein Name für Geschichten. Zum Beispiel für die Süddeutsche Zeitung, Ausgabe vom 11. Juli 2005. 67 ist er, und schon damals wird ihm schriftlich der Ruhestand empfohlen. „Junge Kollegen neigen dazu, den Sportjournalisten Hartmut Scherzer leichtfertig zu belächeln,“ so heißt es beim Autor Hajo Schumacher, der noch mit einem Anflug von spöttischem Mitleid beobachtet, „wie er da so im Pressezentrum sitzt und in affenartiger Geschwindigkeit auf sein Notebook hämmert. Warum tut sich dieser ältere Herr das noch an?“.
Die Antwort zur damaligen SZ-Frage liefert „der ältere Herr“ selbst, mit inzwischen 87 und 20 Jahre später im Online-Magazin WIRSPIELENMIT! von Bernd Linnhoff. Anlass der neuen Geschichte ist Scherzers Akkreditierung für die Fußball-WM 2026. „Bringe ich die Leistung noch, bin ich dem Druck gewachsen?“ – das wolle er für sich noch einmal herausfinden antwortet Scherzer dem Kollegen Uli Dost. „Bin ich noch immer so fähig, so zu arbeiten, so zu schreiben wie früher, halte ich den Stress aus?“.
„Du spinnst“, habe Ehefrau Barbara kurz und knapp gekontert, als er ihr diesen Grund für seine neuen Pläne nannte. Eigentlich hätten für sie die aktuellen Ziele des Ehemannes keine Überraschung mehr sein müssen, war das Oberhaupt der Familie mit zwei Töchtern doch über viele Jahrzehnte hinweg an familiären Feiertagen beruflich unterwegs. Aber wenigstens am Tag seines 80. Geburtstags sei er mit seiner Frau zusammen gewesen, wirft Scherzer bei unserem Telefonat beschwichtigend ein. „Das war bei der Fußball-WM 2018 in Russland, da hatte ich Barbara eingeladen, nach Moskau zu kommen. Gefeiert wurde im Kreis von Kollegen im ‚Café Puschkin’. Und meine Frau hatte dort einen Tag nach mir Geburtstag, sie wurde 79.“ (Uhrig-Foto: VMS)
Zur Fußball-WM 2026 musste nun auf Druck der Familie erst ein erfolgreicher Medizincheck eingeholt werden. Danach ist der PEGASOS-Preisträger in der Kategorie „Sportmedien“ erneut vor Ort, als freier Reporter berichtend über seine 17. WM: Weltrekord für dort akkreditierte Fußballjournalisten. Besonders geehrt wird Scherzer dafür nun nicht mehr – war ihm eine solche Feierstunde doch schon vor 48 Jahren zuteil geworden, mit dem „Coup Jules Rimet“ des Weltverbandes FIFA, bei seiner elften WM 1978 in Argentinien. Und wenn Scherzer einmal nicht irgendwann-irgendwo an irgendeinem Tatort ist, dann schreibt er Bücher, daheim im hessischen Heusenstamm, über Sport und die Welt, mit Titeln wie „Kämpfer für die Freiheit“, „Die ersten Schwarzen Champions“ oder „60 Jahre einer Reporter-Legende“.
Fußball-Arenen, Olympische Spiele, Tour de France und Boxen – der Reporter Hartmut Scherzer liebt und lebt diesen Beruf!
Der alte Mann und das Mehr – Scherzer kann und will nicht loslassen. Einer wie er liebt und lebt diesen Beruf. Mit Berichten aus den Fußball-Arenen der Welt, von 21 Olympischen Spielen, zwischendurch mehr als 30-mal mit dem Auto im Tross der Tour de France. Und bei großen Boxkämpfen saß er immer ganz nah am Ring, seine große Leidenschaft. Besonders hier kannte Scherzer alle, und alle kannten Scherzer – von Max Schmeling über Bubi Scholz bis zu den Klitschkos. Ein persönliches Verhältnis hatte er zum großen Muhammad Ali. Als der unvergessene Boxer einige Jahre nach seiner Glanzzeit wieder einmal in Deutschland zu Besuch war, flüsterte er Scherzer ins Ohr: „We’re getting old.“
Das war wohl eines der wenigen Male, dass der Angesprochene nicht wusste, was „The Greatest“ damit gemeint haben könnte. Bemerkenswert, mit welchem Trick sich Scherzer in den USA einmal den gesperrten Weg zu Ali verschaffte: „Sagt ihm, ich sei der Deutsche mit der Glatze.“ Es wird dieses ganz spezielle Markenzeichen auch jetzt bestimmt ins Auge fallen, aus der Ferne am Bildschirm bei Übertragungen von Pressekonferenzen zur Fußball-WM. Wie vor dem Eröffnungsspiel der Deutschen gegen Curaçao in Houston. Dann wieder unübersehbar im Pulk der Journalisten: „Der Deutsche mit der Glatze“ – an diesem Tag, dem 13.Juni, wird Hartmut Scherzer 88 Jahre alt.
Wolfgang Uhrig war Chefredakteur des kicker, später produzierte er die OSB-Standardwerke zu Olympischen Spielen. Die Kolumne „Ansichtssache“ schreibt er für den Verein Münchner Sportjournalisten. Wir danken dem Autoren und den VMS-Kolleg:innen dafür, den Text und das Porträtfoto nutzen zu dürfen.