Es laufen gerade die letzten Minuten des Frauenfußballspiels um Bronze. Sieht gut aus, Deutschland führt 2:0 im "Kleinen Olympia-Finale", als es erst sanft, dann ein bisschen nachdrücklicher hinter mir an die Glastür der Kommentatoren-Kabine klopft. Michael grinst mich an und hält mir freudig seine Inliner entgegen. Ich lächle und signalisiere ihm: "Bin gleich da."
Danach das gleiche Prozedere, diesmal von uns beiden vor der Nachbartür. Dort sitzt Martin und kommentiert ein olympisches Tennisspiel, und plötzlich hören wir folgenden Kommentar: "Zwei-Satz-Sieg Schüttler, oder muss der dritte entscheiden? Spannung pur, aber die Fans des Deutschen wären sehr happy mit einem knackigen Ende. Schließlich gibt's in Peking durchaus noch weitere interessante Abendbeschäftigungen, beispielsweise eine Inliner-Tour durch die Stadt" (Pfeffer/Neumann/Wolff-Foto: privat).
Keine zehn Minuten später flitzen wir Drei auf Inlinern durch den Olympischen Park Richtung Verbotene Stadt. Wir Drei – Michael, Martin und ich – sind fast 30 Jahre lang nicht nur Kollegen, sondern beste Freunde, die den Sport und ihren Job sehr geliebt und auf unendlich vielen Reisen "gemeinsame Sache" gemacht haben. Die Leidenschaft für unser Reporterleben, die Lust auf aktiven Sport und die Neugier auf fremde Menschen und andere Kulturen hat uns verbunden. Nicht immer übrigens zur großen Freude einstiger Vorgesetzter, die ein bisschen gefremdelt haben mit der Kombination Arbeit und Spaß.
Michael war ein im besten Sinne neugieriger Mensch, der alle Erkundungen und Recherchen am liebsten mit aktivem Power-Sport kombinierte, dem sich Claudia und ich – von Hause aus eher Ballsportler – begeistert anschlossen. Schon wegen unserer defizitären Orientierung. Ein erster Erkundungslauf direkt nach Ankunft, fatalerweise ohne Michael, führte uns zwar durchs Olympische Dorf, aber am Ende auch mitten auf die Autobahn. Michael wäre das nie passiert, er hatte immer einen Plan, gelegentlich sogar einen Faltplan, denn Google Maps war noch nicht geläufig. Er gab Tempo und Richtung vor. Wir zwei Männer lieferten uns auch diverse Sprintrennen. Angefeuert von Claudia, der wir beide zum Trost für ihr gelegentlich gedrosseltes Tempo großmütig "Materialnachteile" bescheinigten.
Programmprägender Reporter und Sendungsleiter – leidenschaftlich, authentisch und sehr nah an den Sportlerinnen und Sportlern
Nun ist unser Freund gegangen. Ein Badeunglück in seiner zweiten Heimat Brasilien hat ihn, der seit knapp zwei Jahren mit seine Ehefrau Sylvia die Rente genoss, viel zu früh aus dem Leben gerissen. Genau dort, wo wir Drei auch gemeinsam über eine Fußball-WM und Olympische Spiele berichtet haben. Und natürlich auf Rad und Rollen unterwegs waren. Michael war der Aktivste von uns allen. Ein exzellenter und leidenschaftlicher Skifahrer, einst sogar Kaderathlet in der Junioren-Nationalmannschaft. Ebenso liebte er das Rennradfahren und Kite-Surfen. Bewegung war sein Credo, die Hängematte maximal ein Augenblick. Jahrzehntelang ein programmprägender Reporter, Kommentator und Sendungsleiter der ZDF-Sportredaktion. Leidenschaftlich, authentisch und sehr nah an den Sportlerinnen und Sportlern, in all seinem journalistischen Denken.
Michaels Live-Kommentare von den Skipisten dieser Welt waren die Höhepunkte seiner Karriere. Man spürte in jedem Satz: Hier ist einer in seinem Element, maximal anerkannt in der alpinen Branche. Auch Radsport und Boxen gehörten zu seinen Spezialgebieten. Unvergessen seine stundenlangen mitreißenden Kommentare gemeinsam mit dem Kollegen Peter Leissl von der Tour de France. Jan Ullrichs Glanzzeit, das Dauerduell mit Lance Armstrong, aber auch die Doping-Problematik sind immer kompetent, emphatisch und fair eingeordnet worden (Pfeffer-Foto: privat).
Sehr besonders waren auch unsere gemeinsamen "Bürgermeisterbesuche", wenn in den einzelnen Etappen-Orten wieder die Spezialitäten der Region angeboten wurden. Austern in der Bretagne, Escargots im Burgund oder Bouillabaisse in der Provence. Fast alle Tour-Begleiter wurden früher oder später kulinarische Feingeister, Michael Pfeffer verdankt der Tour sogar seinen Spitznamen "Poivre". Oder das beinahe nächtliche Einchecken im Alpenhotel in Courchevel nach einem ziemlichen langen Tag, um dann doch noch mit den Kamerakollegen beim Kaltgetränk ein paar Ideen für den nächsten Film zu spinnen. Lustig war's immer, meistens kreativ aber manchmal auch viel zu verrückt. Es war eine Zeit, in der die journalistische Debatte noch gepflegt wurde und unterschiedliche, meinungsstarke Argumente in der Themen-Diskussion ausdrücklich willkommen waren. Wir haben es geliebt, uns die Köpfe heiß zu diskutieren – jenseits der heutigen Aufmerksamkeits-Ökonomie in der Sportberichterstattung.
Michael, nur wenige Wochen vor Deinem Tod haben wir Drei gemeinsam den Kollegen Marcel Bergmann betrauert. Erinnerst Du Dich, was wir auf dem Rückweg im Auto diskutierten? Der Tod auf Erden, das kann's doch nicht gewesen sein. In diesem Sinne, mach's gut, lieber Freund. Eines Tages werden wir uns alle wiedersehen, wahrscheinlich auf der von Dir geschaffenen Skaterpiste im Himmel. Wir trauern mit Sylvia, Clara und Matteo.
Deine Freunde Claudia und Martin