4. Deutsches SportFilmFest

"Momente von Anarchie sind verloren gegangen"

02.04.2024

Der Filmhistoriker Lars Henrik Gass spricht im Interview mit Thorsten Poppe über seine kultur-spezifische Sicht auf den Sport und dessen mediale Entwicklung.

 

Lars Henrik Gass ist seit 1997 Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, mit denen der Verband Deutscher Sportjournalisten erstmals für das Deutsche SportFilmFest kooperiert.

sj: Herr Gass, Sie nehmen dieses Jahr auf den Kurzfilmtagen Oberhausen den Sport thematisch in den Fokus – warum?

Gass: Es gibt einen gesellschaftlichen und einen historischen Grund: Zum einen findet Öffentlichkeit immer stärker medial vermittelt durch den Sport statt, zum andern haben die Kurzfilmtage in den 1970er-Jahren die sogenannten "Sportfilmtage" durchgeführt und in dieser Zeit herausragende Filme gesammelt, die wir einmal im Zusammenhang der Entwicklung zeigen möchten.

sj: Was bietet sich denn aus dem Themenfeld "Sport" mittlerweile alles an aus dem Filmsektor? Mehr Fiction oder mehr Non-Fiction, mehr Unterhaltung oder auch verstärkt journalistische Aufarbeitung in Dokumentationen?

Gass: Die Entwicklung der medialen Entwicklung und des Sports haben viel miteinander zu tun. Denn die meisten Menschen kennen Sport nur aus der medialen Vermittlung. Wir beanspruchen nicht, diese Entwicklung wirklich bündig aufzeigen zu können, aber wir können Anhaltspunkte geben, sie zu verstehen. Die im engeren Sinne journalistische Sicht auf den Sport steht dabei gar nicht so sehr im Vordergrund, sondern eher ein "Bild der Welt" – damit auch von Körpern, von Werten, von Selbstbildern. (Gass-Foto: Kurzfilmtage/Daniel Gasenzer)

sj: Wie haben sich Ihrer Einschätzung nach (Sport-)Dokus mit den nun marktdominanten Streaming-Anbietern verändert?

Gass: Es geht heute mehr um die Fakten – also die Tore im Fußball, die Ereignisse. Die Langsamkeit und Ausführlichkeit der Dokumentationen in den 1970er-Jahren sind dagegen verblüffend. Der deutsche Filmemacher Hellmuth Costard etwa hat ein ganzes Spiel lang nur George Best gezeigt und mit acht Kamers gleichzeitig aufgenommen. Dort stand die konkrete Person im Mittelpunkt – etwas, das weit über die im engeren Sinne sportliche Leistung hinausgeht.

sj: Was wünschen Sie sich von Dokumentationen aus dem Sportbereich: mehr kommerzialisierte Unterhaltung oder mehr sachliche Aufarbeitung, die filmisch entsprechend umgesetzt wird?

Gass: Offen gestanden schaue ich mir kaum noch Sportberichte an, weil das, was mich persönlich am Sport interessiert, verschwunden ist: ein Moment von Anarchie oder Unvorhersehbarkeit. Einerseits ist der Sport sehr viel schneller geworden durch die Einwirkung der Medien, andererseits fügt er sich in einen Lifestyle ein, der durch Medien verstärkt wird im Verbund mit den Werbemarken. Möglicherweise ist es so, dass die Entwicklung der Medien auch den Sport verändert hat.

Die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen finden vom 1. bis 6. Mai statt. Hier geht es zur Homepage der Veranstaltung. Das 4. Deutsche SportFilmfest in Oberhausen steigt am 22./23. April. Hier finden Sie das Programm.